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Artikel mit ‘Satire’ getagged

Das Hornauer Schießen

Freitag, 19. Juni 2009

Das Leben kann schon manche Momente enthalten, die einen aufschrecken lassen und in denen man sich fragt: „Was tue ich hier eigentlich? Gibt es einen tieferen Sinn?“ Viele haben solche Momente schon erlebt – manche allerdings auch noch nie.

Thomas G. Hornauer ist ein Mensch, der sich dieser Sinnsuche verschrieben hat. Er betreibt mit seinem Kanal Medial einen fragwürdigen Esoterik-Shoppingsender, der inzwischen die Fernsehkanäle verlassen musste. Mittlerweile ist Hornauer mit einem Livestream im Internet präsentiert:

„Den Nutzern werden auf der Kanal Telemedial-Vermittlungsplattform interaktive wissenschaftliche Beratungsleistungen und Horoskope anhand anerkannter Regeln der Astrologie, des Kartenlegens, des Hellsehens oder der allgemeinen Lebensberatung für alle Bereiche und Probleme des menschlichen und tierischen Lebens angeboten. Bei den Experten handelt es sich um kompetente, geprüfte und erfahrene Astrologen, Seher, Kartenleger, Psychologen oder allgemeine Gesundheits- und Lebensberater. Die Nutzer können Beratungsleistungen und Horoskope per Telefon und per SMS erhalten. Außerdem werden den Nutzern auf der im Fernsehen zu empfangenen Kanal Telemedial-Vermittlungsplattform Produkte von verschiedenen Anbietern zum Kauf angeboten“, so die AGB der Plattform.

So werden natürlich auch alle Aktionen, die bei anderen Unternehmen als unverfilmbar, weil zwischen banal und blöde angesiedelt, wie etwa das Lesen der E-Mails oder eine wilde Google-Suche, fröhlich ausgestrahlt – es wird schon einen geben, der sich davon zu einem kostenpflichtigen Anruf oder einer Spende, die dort Energieausgleich genannt wird, animieren lässt.

In einer Art Lebenshilfe per Telefon, die in erster Linie der Selbstdarstellung des Chefs Hornauer zu dienen scheint, dürfen dann Menschen, die keinen anderen Ausweg mehr wissen, gegen nicht zu geringe Gebühren pro Minute anrufen.

In seinem Programm ringt Hornauer mit allem, was sich ihm in den Weg stellt: den Menschen, die ihn kritisieren oder über ihn berichten, der deutschen Sprache, seinen Atemwegen und dem Sinngehalt seiner Worte. Hornauer zeigt sich dabei erstaunlich innovativ. So gilt er beispielsweise als der Erfinder der „Senilcourage“ und glänzte auch schon einmal durch die Aufforderung an Staatsanwälte, doch bei einer von ihm gewitterten Verschwörung Amnesie zu erteilen.

Dabei ist er, dem die Nähe zu Sektierern nachgesagt wird, auf eine herzerfrischende Weise komisch, wenn auch nur für einen kurzen Moment – dann realisiert der Zuschauer, dass Hornauer das, was er da schnaubend von sich gibt, tatsächlich ernst zu meinen scheint.

In seiner Art, jede öffentliche Kritik und Kommentierung seiner Auftritte als Grund zur Klagedrohung zu sehen – wobei ihm grundlegende Kenntnisse des Urheber- und Zitatrechts nicht geläufig zu sein scheinen – ähnelt er einem Stalker auf Speed, der versucht, alle Opfer auf einen Schlag zu belästigen und zu bedrohen. Es fällt schwer, die öffentlich gemachte Ankündigung, er würde seine Feinde mit seinen Millionen plattmachen wollen, anders zu werten.

Hornauer und sein obskures Firmengebilde, das die „neue Art von interaktivem Fernsehen“ darstellen soll und der Sender für „Ihre innere Heilung“ sein soll, lässt uns einen Blick in die unterste Schublade des Internets werfen und stellt den Betrachter auf eine harte Probe, muss man sich doch sehr beherrschen, um sich nicht nach dem ersten Kopfschütteln zu fragen, ob derartige Dinge nicht eigentlich auf die von der Leyensche Liste gehören.

Aktuell hat der Mann, dem es wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass es sich bei „TELEMEDIAL“, „KANAL-TELEMEDIAL“ und „THOMAS G. HORNAUER“ um eingetragene Wort- bzw. Bildmarken handelt, sich neben Oliver Kalkofe, dem Portal Ciao und vielen anderen nun auch den Medienjournalisten Stefan Niggemeier als „Feind“ auserkoren und führt mit der von ihm gewohnten Leichtigkeit sein Verständnis von Medien und vor allem vom Internet vor.

Wie das dann aussieht, können Sie dem YouTube-Beitrag an dieser Stelle entnehmen. Auslöser der dort zu beobachtenden verbalen Inkontinenz war augenscheinlich dieser Beitrag von Stefan Niggemeier: Kanal Telemedial: Das ist strafrechtlich!, in dem Herrn Hornauers Auffassung über Internetforen als kriminelle Vereinigungen zitiert wird. Nehmen Sie sich die Zeit und machen Sie sich ein Bild von diesem wirklich ganz erstaunlichen „immateriellen Teleshop“.

Sehr viel Interessantes zur fremden Welt des Herrn Hornauer findet sich auch bei The Aufsichtsbehördle.

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Was darf Satire?

Donnerstag, 28. Mai 2009

Im letzten Monat habe ich schon einmal darüber spekuliert, dass wir alle kriminell sind. Noch etwas deutlicher brachte das der Macher eines Videos zum Ausdruck, der die seinerzeit ebenso gut gemeinte wie hilflose Kampagne „Du bist Deutschland“ aufs Korn nahm: „Du bist Terrorist“ lautete der Titel des eindringlichen Werkes, das uns erklärt, dass das Land von 82 Millionen potentiellen Terroristen bevölkert wird.

Die getragene Diktion und Dramaturgie des damaligen Werbespots wurden hier von Alexander Lehmann als Anregung genommen, um aufzuzeigen, das wir nun, nach dem Gesamterlebnis des bundesdeutschen Wir-Gefühls, des Beginns „einer positiven Stimmungswelle im ganzen Land“ aus 2007/2008 nun ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl genießen dürfen – den Generalverdacht.

Aber machen Sie sich am besten zunächst selbst ein Bild:

Du bist Terrorist from alexanderlehmann on Vimeo.

Nun sind wir in Deutschland, wo nicht nur die Dichter und Denker zuhause sein sollen, sondern wo man auch der Satire nicht erst seit Heinrich Heine sehr misstrauisch gegenübersteht. So wurde erst vor wenigen Tagen eine das Bundesinnenministerium parodierende Seite kurzzeitig geschlossen, da der Gebrauch der Hoheitszeichen beim Provider beanstandet wurde. Ein Schelm, wer glauben würde, dass es wohl eher der Inhalt war, der da für Unmut sorgte.

Doch nicht nur Politiker tun sich für gewöhnlich schwer, mit subversivem Witz umzugehen, auch so mancher Werber hat da so das eine oder andere Problem und versucht, sich auf der nach oben offenen Blamageskala einige Stufen nach oben zu befördern.

„Die Medienunternehmen sehen ihr Engagement als Initialzündung einer Bewegung für mehr Zuversicht und Eigeninitiative in Deutschland“, textete die Agentur Kempertrautmann zu „Du bist Deutschland“ auf ihrer Webseite.

Den eigenen Worten folgend, ergriff die Agentur, von der u.a. auch der wenig feinsinnige „Ich möchte diesen Teppich nicht kaufen“-Bierwerbespot stammt, dann auch die Initiative und griff – nein, nicht etwa zum Telefon, um mit Alexander Lehmann über das als Uni-Abschlussarbeit konzipierte Video zu sprechen – sondern zu einer drastischen Aufforderung, wie Netzpolitik.org berichtete:

„Heute berichtet er [Alexander Lehmann, d. Red.] uns per Mail, dass er eine Ankündigung zur Abmahnung bekommen hat. (…) Lehmann wird aufgefordert, jegliche Bezüge zur “du bist deutschland” - Kampagne zu entfernen und die Adresse dubistterrorist.de nicht mehr zu verwenden. Er hat drei Tage Zeit, alles wie gewünscht zu entfernen. Als Begründung wird das Markenrecht an “Du bist Deutschland” genannt.“

Erst in Reaktion auf die Medienresonanz, die diese Klageandrohung erzeugte, taten die Kommunikationsprofis dann das, was man doch eigentlich gleich (und ohne den Peinlichkeitsfaktor) hätte tun können: Sie telefonierten mit Alexander Lehmann und einigten sich gütlich. In einer Erklärung heißt es:

„’Du bist Deutschland’ geht nicht gegen “Du Bist Terrorist” vor, Persönlichkeitsrechte der abgebildeten Kinder bleiben gewahrt. (…) Adaptionen und Satiren der Kampagne hat es immer gegeben, und die Verwendung von “Du bist…” ist allgemein auch nicht geschützt.“

Aha, nun reicht es plötzlich aus, dass Alexander Lehmann ein Hintergrundbild austauscht, wo zuvor noch von der Entfernung der Domain die Rede war. Es habe sich im Netz eine Diskussion um die Website www.DubistTerrorist.de entwickelt, die im wesentlichen auf Missverständnissen beruhte, so heißt es. Wenn es doch nur um den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Kinder, die in der Kampagne “Du bist Deutschland” abgebildet sind, ging, frage ich mich, ob der zuvor angeschlagene rüde Umgangston nun wirklich nötig war.

Ein wenig drängt sich mir hier das Gefühl auf, dass es nicht so sehr um ein Missverständnis ging, sondern um den Versuch, sich mit deftigem Auftreten ein wenig in Einschüchterung zu üben.

Um noch einmal auf die titelgebende Eingangsfrage zurückzukommen, die uns Ignaz Wrobel so vortrefflich erläutert:

„Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.

(…)

Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.

(…)

So aber schwillt ständischer Dünkel zum Größenwahn an. Der deutsche Satiriker tanzt zwischen Berufsständen, Klassen, Konfessionen und Lokaleinrichtungen einen ständigen Eiertanz. Das ist gewiß recht graziös, aber auf die Dauer etwas ermüdend. Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.

Was darf die Satire?

Alles.“

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Erster April abgeschafft

Mittwoch, 01. April 2009

Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren ist, wurde die Funktion des ersten Aprils als bundesdeutscher Scherztag mit sofortiger Wirkung abgeschafft. Als Begründung wird angeführt, dass es mittlerweile gelungen sei, mit der selbstgemachten Daily Soap um „Filter-Uschi“ und ihre Freunde eine nahezu nicht mehr zu übertreffende Posse ganzjährig zu etablieren.

Ob das stimmt? Lassen Sie uns einen Blick auf die bisher gelaufenen Episoden werfen: Da ist „Filter-Uschi“. Sie betreibt eine Kaffeebude in der Nähe von Karlsruhe. Uschi hat ein Problem – genau wie ihr Schwippschwager, der Rolli, möchte Sie gern alles wissen, was in ihrer Nachbarschaft so vor sich geht. Das gilt vor allem für die Sachen, die die Leute so lesen.

Also hat Uschi vor der Kasse vom Supermarkt, wo viele Leute Ihre Zeitschriften kaufen, Muskelmänner postiert. Die stammen aus einer Gang, deren Boss Schwippschwager Rolli ist.

Dass es etwas blöd ist, die harten Jungs vor der Kasse zu positionieren, weil alle möglichen Leute schlicht durch den Seiteneingang an der Kasse vorbeigehen können, möchte Uschi nicht hören. Stattdessen macht sie immer mehr Tammtamm um diese Idee. Auf die Frage, mit welchem Recht Rollis Gang die Leute nach ihrem Namen fragen darf und die Einkaufstüten durchwühlt, wird Uschi dann immer schnell pampig. Weil ihr danach ist, sagt sie dann und es wäre doch nur zum Besten der Kunden. Und natürlich für sie, denn Uschi wird schnell in der Nachbarschaft bekannt. Das sagt sie aber nicht laut.

Schnitt, neue Szene.

Rolli ist mindestens so neugierig wie „Filter-Uschi“. Und er hat entdeckt, dass viele Nachbarn ihre Unterlagen und ihre Post in abgeschlossenen Schränken lagern. Das mag Rolli nicht, er möchte nämlich zu gern wissen, was die Nachbarn sich so mitzuteilen haben. Vielleicht schreibt ja einer etwas Böses über ihn. Aber den würde er dann mit seinen Jungs so richtig in die Mangel nehmen und ihm zeigen, wo Bartel den Most holt … Rolli schweift in einen Tagtraum ab, in dem er König von Deutschland ist. Später lässt er von seiner Gang bei verschiedenen Nachbarn einbrechen und die Schränke mit der Post durchwühlen.

Schnitt, neue Szene.

Auch ein entfernter Verwandter von Uschi, der Baff, ist mit von der Partie. Er macht in Altautos und zahlt den Leuten, die ihm ihre Autos bringen, eine Prämie. Dafür schreibt er Quittungen mit dem Namen und einer Auftragsnummer. Leider ist er dabei nicht immer so bei der Sache: Manchmal stehen die Leute vor verschlossenen Türen, Baff ist einfach nicht da. Ein andermal trägt er die Unterlagen in einer durchsichtigen Plastiktüte durch die Straßen, so dass jeder einen Blick darauf werfen kann. Und ab und an ruft Baff den Menschen nur quer über den Hof eine Auftragsnummer zu, vergisst aber die Quittung. Wieder anderen gibt er die falsche Quittung oder trägt dieselbe Auftragsnummer ein.

Was er so gar nicht versteht, ist, dass die Leute das nicht so lustig finden, weil sie jetzt nicht wissen, ob sie auf der Bank ihre Quittung gegen die versprochene Prämie eintauschen können.

Schnitt, neue Szene.

„Filter-Uschi“ und Rolli haben eine große Familie. Das sieht man ihnen an, die Ähnlichkeit ist verblüffend. Ein paar Familienmitglieder haben es in Karlsruhe zu etwas gebracht und einigen Einfluss. Sie möchten Uschi und Rolli bei ihren seltsamen Plänen helfen und haben eine tolle Methode dazu gefunden: Sie beschließen, dass jeder, der einem anderen einen Hinweis darauf gibt, wo er etwas lesen kann, potentiell gegen Uschi und Rolli ist und darum von der Gang gründlich befragt wird. Dabei geht natürlich schon einmal etwas zu Bruch …

So, liebe Leser, das war die Zusammenfassung der ersten Folgen von „Uschi’s Kaffeebud’“. Wie Sie sehen, ist sie wirklich durch normale Aprilscherze nicht mehr zu übertreffen.

Und wenn Sie nicht glauben können, was Sie da lesen, dann lesen Sie einmal unter den Stichworten Überwachung oder Datenschutz auf disem Blog nach.

Ach, Sie wundern sich, warum ich hier keine Links präsentiert habe? Nun, das liegt an Uschis Familie in Karlsruhe. Ich zitiere einfach einmal aus einem spannenden Schreiben: „Aufgrund der netzartigen Struktur des WORLD WIDE WEB ist jeder einzelne Link im Sinne der conditio-sine-qua-non-Formel kausal für die Verbreitung krimineller Inhalte, auch wenn diese erst über eine Kette von Links anderer Anbieter erreichbar sind. Einschränkend ist hier aber im Einzelfall stets zu prüfen, ob sich der Anbieter des Links die strafrechtlich relevanten Inhalte in ausreichender Form zu Eigen macht.“

Lassen Sie diesen Auszug aus einem Beschluss des Landgerichts Karlsruhe, Auswärtige Strafkammer, Sitz Pforzheim vom 23. März 2009 einmal auf sich wirken. Vielleicht finden Sie ja eine Antwort auf die Frage, wie lang wohl die angesprochene Kette der Verlinkungen sein mag und wie wohl der jeweilige Einzelfall geprüft wird.

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Macworld-Revolution: Das MacBook Wheel

Mittwoch, 07. Januar 2009


Apple Introduces Revolutionary New Laptop With No Keyboard

Wenn es etwas wirklich geniales im Umfeld der Macworld Expo gab, dann diese Nachricht von Onion News Network. Achten Sie auf die Zitate (”everything is just a few hundred mouseclicks away”). Sehr schön ist auch der Ticker, der unter der Sendung durchläuft: “Study finds horseback riding just an expensive form of sitting”. 

Alles in allem ein liebevoll gestalteter Beitrag.

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Apple beendet Weihnachten

Donnerstag, 25. Dezember 2008
Apple beendet Weihnachten

Apple beendet Weihnachten © Mac Essentials

VP Philip Schiller sagte auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Weihnachtsmann am Nordpol: »Apple hatte in den letzten Jahre die große Ehre, in Zusammenarbeit mit dem Nordpol das Weihnachtsfest zu ermöglichen. Wir haben jedoch gemeinsam beschlossen, dass dies das letzte Jahr für Weihnachten sein wird.« Apple hatte sich in den vergangenen Jahren immer mehr aus Feiertagen zurückgezogen, so aus dem Valentinstag, dem Tag des Kolumbus oder dem Großeltern-Tag in Japan. 

© für die deutsche Übersetzung Mac Essentials. Link zur Originalseite

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Zitat des Tages

Donnerstag, 18. Dezember 2008

“Unsere Artikel können nun mit Nutzerkommentaren versehen und zwischen Lesern ausgetauscht werden – alles, was sie dazu brauchen, sind ein Kuli und eine Schere.”

Leo Fischer, neuer Chefredakteur der “Titanic” auf Spiegel Online

Gefunden auf turi2

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Dünnes Eis und angeschossene Knie

Dienstag, 18. November 2008

Direkt unter uns leben Menschen, die ein schweres Los tragen müssen und doch versuchen, das Beste daraus zu machen. Und so verstecken sie ihr schweres Leid hinter oft schlecht sitzenden Anzügen und einem eben so schlecht sitzenden Lächeln. Dabei können sie nichts dafür – wirklich nicht.

Der bekannte Forscher Aller Richtingen von der Foxhole University in Meiningen, Nordholland, erklärte, es sei vielmehr ein bislang unbekanntes Gen, das dafür sorge, dass man, wenn man eine bestimmte Stufe auf der Leiter erreicht hat, sei es nun in Ämtern oder Parlamenten, schlicht die Orientierung verliert. Nur so könne erklärt werden, betont Aller Richtingen, warum einige dieser Träger von Amt und Würden nicht mehr aus ihrem Büro herausfinden und so eine langfristige Schädigung der Fernsicht auf die Außenwelt davontragen. Diese Veränderungen werden von dem Forscher als Adopted Open Eye Reality Response Maximum Loss Syndrome (AERMLS) bezeichnet. Vielfach würden die fatalen Auswirkungen dieses Gens von der Bevölkerung kaum wahrgenommen, weil sich die Betroffenen instinktiv abschirmen und versuchen, unter sich zu bleiben – was wiederum die Symptome verschlimmert. Ab und an werden aber Ausfälle auch für den unbeteiligten Beobachter sichtbar, etwa, wenn moderne Kommunikationsmittel wie das Internet ins Spiel kommen.

Die AERMLS-Betroffenen, kurz auch Aermlis, weisen ein hohes Potenzial unbestimmter Ängste vor offener Information auf, sind aber durch ihre Einschränkungen vielfach kaum in der Lage, mit diesen Medien umzugehen. In diesem Spannungsfeld neigen Aermlis zu einem bisweilen skurril erscheinenden Aktionismus, der auf spätere Folgen keine Rücksicht nimmt. In ihrer stärksten Ausprägung ähnelt AERMLS hier der klassischen Zwangshandlung. Sieht der Aermli eine in seinen Augen unkontrollierbare Kommunikationsplattform, beginnt er, in seinem Büro umherzuirren und muss schließlich aktiv werden.

Besonders tragisch ist dabei, dass die besonders schweren Fälle, die der Öffentlichkeit bekannt werden, häufig als Zensurbestrebungen, Dummheit oder Inkompetenz verstanden werden – dabei sind es nur Aermlis, die nun einmal nicht anders können.

Als Belege für seine Theorie führt Aller Richtingen zwei aktuelle Beispiele an. So wurde im Online-Magazin Heise Online gemeldet, BND-Mitarbeiter hätten angeblich versucht, Wikipedia-Einträge zu verändern.

Für Aller Richtingen ein klarer Fall eines Aermli-Anfalls: „Die Symptome sind klassisch. Ein unkontrollierbar erscheinendes Medium, Wikipedia, das unbedingt gebändigt werden muss. Typisch dabei, dass auf Folgen, wie IP-Nummern, die, der Meldung zufolge, dem Bundesnachrichtendienst zugeordnet werden konnten, keine Rücksicht genommen wurde.“

Heise Online berichtet, es sei auf der Whistleblower-Seite Wikileaks ein PDF-Dokument mit IP-Nummern-Bereichen aufgetaucht, die angeblich vom Bundesnachrichtendienst verwendet werden. Belegt werden kann diese ungeprüfte und anonyme Information nicht, doch Aller Richtingen sieht sich bestätigt: „Die AERMLS-Kranken suchen instinktiv Schutz und bilden enge Gemeinschaften, die schon fast die Form von Geheimbünden annehmen können. Da wirkt natürlich eine öffentlich zugängliche Information, Auslandsniederlassungen des Goethe-Instituts dienten als “inoffizielle Residenturen” des BND wie ein Trigger – unabhängig von ihrem tatsächlichen Wahrheitsgehalt. Auch die etwas schlichte Veränderung dieses Eintrages in sein Gegenteil, wobei die Veränderung auch noch nachvollziehbar protokolliert wird, ist ein geradezu typisches Aermli-Verhalten.“

Auch Heise Online bestätigt in dem Artikel, dass der BND als Auslandsnachrichtendienst der Bundesrepublik Deutschland zur Gewinnung von Erkenntnissen mit verschleierten Identitäten und Absichten agieren darf. „Da die genauen Aktivitäten des aus der Organisation Gehlen entstandenen Dienstes der Geheimhaltung unterliegen, ist über ihn wenig Gesichertes bekannt.“

Richtingens zweites Beispiel ist aktuelleren Datums, allerdings ist hier noch nicht hundertprozentig klar, ob es sich hier ebenfalls um einen AERMLS-Fall handelt, wenn auch vieles dafür spricht:

Am 14.11. lies der Bundestagsabgeordnete Lutz Heilmann über eine Einstweilige Verfügung das Portal www.wikipedia.de abschalten, da in einem Beitrag über ihn auf de.wikipedia.org angeblich falsche und ehrabschneidende Tatsachenbehauptungen über ihn erfolgt sein sollen. Die Sperrung, die nach einer Änderung des Artikels wieder aufgehoben wurde, wird von Aller Richtingen als klassisches Beispiel angeführt: „Eine Überreaktion, die in ihrer Durchführung nicht nur völlig sinnlos war, sondern auch keinerlei Rücksicht vor den Folgen für seine Partei genommen hat. Eigentlich ein echter Klassiker. Tragisch dabei ist, dass Herr Heilmann noch recht jung ist – eine solche Fehleinschätzung der modernen Informationslandschaft ist sonst nur bei wesentlich älteren Aermlis anzutreffen. Daher gibt es auch noch Zweifel, ob es sich bei ihm um einen AERMLS-Fall handelt.“

Der Ablauf des Falles Heilmann gegen Wikipedia weist jedenfalls einige typische Merkmale auf. So etwa die Sperrung des Suchportals Wikipedia.de, auf der jedoch keine Artikel zu finden sind. Diese werden auf den Servern der wikipedia.org gespeichert und waren auch dort abrufbar. Entsprechend erreichte die – rechtlich einwandfreie – Sperrung das völlige Gegenteil. Der bisher weitgehend unbekannte Herr Heilmann wurde zur öffentlichen, wenn auch nicht beliebten Person.

Auch der Parforceritt, der an seiner Partei vorbei geführt wurde, war typisch. Diese zeigte sich entsprechend konsterniert – die Pressesprecherin der Partei Die Linken erklärte in einer E-Mail an die Redaktion, dass die Aktion von Herrn Heilmann „weder mit der Fraktion noch mit dem Parteivorstand abgesprochen oder abgestimmt“ war und man von dem Vorgang selbst überrascht worden sei.

Hier wird deutlich, wie ein berechtigtes Interesse, nämlich die Wahrung der Persönlichkeitsrechte, durch eine Einschränkung der Wahrnehmung, wie sie beispielsweise bei AERMLS auftritt, zu einer fatalen, schon zensierenden Tendenz werden kann. „Ob AERMLS in der letzten Erkrankungsstufe zu Demokratiefeindlichkeit wird, kann ich noch nicht sagen“, erläutert Aller Richtingen. „Ein Blick auf historische politische Persönlichkeiten lässt jedoch vermuten, dass es in diese Richtung geht“.

Als Heilungschance sieht Aller Richtingen derzeit nur den Weg, den auch Lutz Heilmann gegangen ist: den schmerzhaften und deutlichen Schuss ins Knie. Erst die komplette Umkehrung des gewünschten Ziels kann davor bewahren, dass der Aermli weiter in diese maßlosen Kontrolltendenzen abrutscht.

Ein erster Schritt ist getan, denn Herrn Heilmanns Partei bestätigt: „Für DIE LINKE sind Meinungsfreiheit und ein partizipatives Internet ebenso unverzichtbar für eine moderne demokratische Gesellschaft, wie es selbstverständlich ist, Persönlichkeitsrechte zu achten. Lutz Heilmanns Versuch einer Konfliktlösung war ein Irrweg.“

„Herr Heilmann hätte ja durchaus tun können, was er neben der Wikipediasperrung, auch getan hat – gegen die Behauptungen und Verursacher juristisch vorgehen“, ergänzt Aller Richtingen. „Überzogene Reaktionen wie die, die wir hier erlebt haben, können, sollten sie einmal manifestiert werden, viel weiter reichende Folgen haben – Folgen, vor denen wiederum die Bevölkerung geschützt werden muss. Zur Genesung hilft dem Aermli nur die politische Isolation – auch, damit nicht andere durch sein Verhalten diskreditiert werden.“

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