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Artikel mit ‘Recherche’ getagged

Trittbrettfahrer mit Internetzugang

Mittwoch, 11. November 2009

Wie risikoreich eine unkritische Berichterstattung in den Zeiten des Internets sein kann, zeigt eine aktuelle Meldung des Vereins MOGiS, der sich um die Belange von Missbrauchsbetroffenen kümmert. Er verwies in dieser Woche darauf, dass sich in vielen Medien gleichlautende Meldungen über Natascha Kampusch fanden, etwa auf FAZ.NET, bei FR Online, sueddeutsche.de oder auf Zeit.de.

Der MOGiS e.V. zeigte sich bestürzt über die Unachtsamkeit, mit der die Medien berichten, da offenbar die als Quelle genannten Webseiten, von denen einige auch aufeinander verweisen, überraschenderweise zum Teil ausgerechnet dem als Zeugen genannten Thomas Vogel gehören sollen. Thomas Vogel soll laut einer Meldung des österreichischen Kuriers teilentmündigt sein, berichtet der MOGiS.

Der MOGiS e.V. berichtet, dass Thomas Vogel (in den Artikeln auch Jürgen Vogel genannt) sich bereits zwei Tage nach der Flucht von Natascha Kampusch die Domain kampusch.de gesichert habe. Auch sollen ihm die Domains fritzl.de und wolfgang-priklopil.com gehören.

In solchen Fällen zeigt sich, dass das Internet nicht nur schnellere Informationswege bietet, sondern in besonders brisanten Fällen oder in Situationen, in denen es um besonders sensible Zusammenhänge geht, einer deutlich tiefergehenden Recherche bedarf.

Gabriele Gawlich, stellvertretende Vorsitzende des MOGiS e.V, ist entsetzt, mit welcher Unsensibilität die Medien in diesem Fall die Aussagen des Herrn Vogel weiterverbreiten:

“Der Vorwurf, man habe das alles doch so gewollt, man hätte ja auch gehen können, ist einer, der auch gerne von Tätern gemacht wird. Ich empfinde es als einen der schlimmsten Vorwürfe überhaupt. Die Medien sollten Frau Kampusch als Missbrauchsüberlebenden mehr Respekt entgegenbringen.”

Wenn Sie im Internet (und nicht nur da) eine Nachricht finden, bedeutet leider auch die massenhafte Verbreitung in mehreren Medien nicht immer, dass die Meldung auch gut recherchiert ist oder die Fakten korrekt oder vollständig wiedergibt. Und leider gilt diese Bauernregel inzwischen längst nicht mehr nur für die bekannt üblen Boulevardmedien.

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Wie man eine Nachricht macht

Freitag, 24. April 2009

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einer Redaktion und vor Ihnen liegt eine zwar interessante, aber doch nicht gerade sensationsgeeignete Studie. Was machen Sie da? Klar, sagen Sie, ich bringe die eher nüchterne Meldung, beispielsweise über die Tatsache, dass das menschliche Gehirn länger braucht, um auf emotionalen Schmerz zu reagieren als auf körperlichen Schmerz.

Tja, das würden Sie und ich so machen – aber diese geschätzte Meinung ist nicht unbedingt Allgemeingut. Denn natürlich können Sie aus dieser kurzen Notiz über wissenschaftliche Forschung auch einen Aufreger machen. Wie? Ganz einfach: Sie nehmen ein paar aktuelle Modewörter, sagen wir Twitter oder Facebook, würfeln ein wenig und schon haben Sie die tolle, umwerfende und boulevardtaugliche Meldung, dass junge Menschen durch zu viel Kommunikation über Portale wie Twitter oder Facebook auf die Dauer Schaden nehmen. Genial, nicht wahr?

Richtig toll wird das ganze aber erst, wen Sie beispielsweise diese Meldung nicht in Deutschland schreiben, sondern etwa für den Online-Ableger einer nicht zu seriösen britischen Zeitung oder auch eine Schweizer Zeitung. Dann haben Sie nämlich das Glück, dass ein ganzer Haufen deutscher Redaktionen diesen Murks ungefiltert und ohne nachzufragen übernimmt.

Wie, Sie glauben nicht, dass Medien wie „Focus Online“, der „Standard“, „Die Presse“, „Yahoo“, die „Computerwoche“ und viele andere so nachlässig wären? Aber warum denn nicht? Die Meldung kam schließlich über den Gesundheitsdienst einer Nachrichtenagentur – die natürlich davon lebt, Meldungen für Ihre Kunden zu verbreiten. Außerdem ist so ein Twitter/Facebook-Heißluftgebläse doch viel spannender, nicht wahr?

Wenn Sie mir das nicht glauben wollen, dann werfen Sie doch einmal einen Blick auf den Bildblog-Beitrag „Twitter macht Journalisten dumm“. http://www.bildblog.de/7352/twitter-macht-journalisten-dumm/ Hier wird sehr schön beschrieben, wie letztlich ein Journalist (zur Erklärung: das sind die seltsamen Leute, die ab und an das komische Wort Recherche im Mund führen), der britische Arzt, Medienkritiker und “Guardian”-Kolumnist Ben Goldacre, sich die Studie, die der Meldug zugrunde liegt, einmal angesehen hat und dort nicht die geringste Erwähnung von Twitter, Facebook und Co. fand.

Dann tat Herr Goldacre etwas unerhörtes, das, wie Gerüchte sagen, früher sogar üblich gewesen sein soll: Er fragte bei eine der Verfasser der Studie nach, der ihm bestätigte, tatsächlich keinerlei Verbindung seiner Aussagen zu Twitter etc. zu sehen. Die „Reizworte“, die auch in einem wörtlichen Zitat gefunden wurden, wurden vielmehr nachträglich eingefügt – wohl, um der Sache etwas mehr „Pfiff“ zu geben.

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Das selbstreferentielle Internet

Donnerstag, 12. Februar 2009

Immer wieder einmal gibt es Vermutungen darüber, wie leicht es ist, frei erfundenen Behauptungen im Internet in Windeseile in Fakten zu verwandeln. Ganz selten hat man aber die Möglichkeit, die „Geburt“ einer solchen falschen Tatsache miterleben und nachvollziehen zu können.

Auf Bildblog gab es aktuell nun ein Lehrstück darüber zu lesen, wie leicht sich Erfindungen zu sich in den Medien verselbstständigenden Fakten machen lassen: Ein wohl aus gutem Grund ungenannt bleibender Autor beschreibt dabei, wie er dem aktuell in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses gerückten Freiherr von Guttenberg den Vornamen Wilhelm verpasst hat, indem er diesen Namen in dessen Wikipedia-Biographie eingefügt hat.

Den Verfasser reizte es am letzten Sonntag, die vielen Vornamen des Ministers aufgelistet zu sehen und er leistete sich den mehr oder minder originellen Scherz, dieser Namensliste, die im übrigen leicht über entsprechende Adelskalender (Genealogisches Handbuch des Adels, Bd. 110, Freiherrliche Häuser XIX) nachprüfbar ist, den „Wilhelm“ hinzuzufügen.

Interessanterweise hat niemand den getürkten Wilhelm bemerkt – es wurde sogar fleißig abgeschrieben und schon tauche „Willi Guttenberg“ in nahezu allen Medien auf. Nicht nur Bild fragte sich, ob man sich diese Namen merken müsse, auch Handelsblatt.com, heute.de und rp-online verkündeten schon am Montag nach der Änderung den „Wilhelm“.

Der zusätzliche Name erhielt eine ungeheure Eigendynamik. So zitiert der Verfasser Spiegel Online, wo die Geschichte sogar noch weiter getrieben wurde: “Eine beliebte Journalistenfrage an ihn ist jene nach seinem kompletten Namen. Ob er den bitte einmal aufsagen möge. Manchmal macht er das dann auch. Und los geht’s: ‘Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg.’ Er sei aber so erzogen worden, dass nicht der Name, sondern die Leistung zähle, fügt er dann regelmäßig an.”

Auch aus der Wikipedia ließ sich der Name nicht so ohne weiteres entfernen – obwohl einige Leser Zweifel anmeldeten. Nach einem Löschversuch wurde er flugs wieder eingefügt – schließlich war er ja über den Spiegel nachweisbar.

So schaffte es unser „Willi“ in eine ganze Reihe von Medien, unter anderem, so wird berichtet, ins “RTL-Nachtjournal”, in die “taz”, die “Rheinische Post” und die “Süddeutsche Zeitung” und auf die “Bild”-Titelseite.

Das ungeprüfte Anschreiben hat zu einem, in diesem Falle eher harmlosen, in seiner Konsequenz aber haarsträubenden Effekt geführt. Man stelle sich vor, es hätte sich statt der simplen Namensergänzung um eine politische oder historische Tatsache gehandelt …

 Ein aktuelles Update über die Reaktion der auf diese Täuschung hereingefallenenMedien finden Sie unter http://www.bildblog.de/5731/wilhelm-ii/.

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