In einem Blog-Kommentar las ich den interessanten Hinweis auf den Film Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß.
Der Film von Sidney Pollack spielt in den USA der 30er Jahre, also mitten in der Weltwirtschaftskrise. Hier melden sich Menschen bei einem Tanzmarathon an, für den es 1500 US-Dollar Preisgeld geben soll. Eine weitere Motivation vieler Teilnehmer ist die kostenlose Verpflegung während des Wettbewerbs. Trotz Erschöpfung geben viele Tänzer nicht auf. Seelisch und körperlich am Ende hat eine Teilnehmerin keine Hoffnung mehr und bittet ihren Partner, sie zu erschießen. Der Polizei gibt er später als Motiv an, dass man Pferden auch einen Gnadenschuss gebe.
Das führt mich zum eigentlichen Thema, denn in den letzten Tagen hatte ich Gelegenheit, etwas fernzusehen. Besonders aufgefallen ist mir da ein Format, das mit dem Titel „Mein Restaurant“ nur unzureichend beschreibt, was da eigentlich passiert:
„Bei „Mein Restaurant“ haben fünf Paare in Berlin, Hamburg, Köln, Leipzig und München die Chance, ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Doch bis es soweit ist, haben die Kandidaten einiges zu tun: Denn der Städtewettkampf beginnt nicht mit der Eröffnung, sondern bereits im Rohbau! Acht Wochen haben die Kandidaten Zeit, um aus einer seelenlosen Räumlichkeit ein anspruchsvolles Restaurant zu machen. (…)
Ab der Eröffnung wird der Wettbewerb noch härter: Jetzt nominiert die Jury alle zwei Wochen die beiden Restaurants, die in ihren Bewertungen am schlechtesten abgeschnitten haben. Wer rausfliegt, entscheiden jedoch die Zuschauer. Per Telefonvoting haben sie eine Woche Zeit, für ihr Lieblingsrestaurant abzustimmen. Das Paar mit den wenigsten Anrufen muss sein Restaurant innerhalb von 15 Minuten räumen und die Pforten für immer schließen! (…)
Die Kandidaten hatten die Chance, sich ihren Traum vom Restaurant zu erfüllen. Dabei wurden sie von Experten begleitet, haben unglaublich viel gelernt, und gehen mit viel Know-how und einem fertigen Konzept aus der Sendung heraus. Ihr Konzept dürfen sie an einer anderen Stelle umsetzen und einen zweiten Versuch starten. Dabei gibt es für die Restaurants verschiedene Möglichkeiten. So können sie von einem neuen Betreiber übernommen und unter einem anderen Namen fortgeführt werden, von dem Voreigentümer wieder übernommen werden oder in ein ganz neues Lokal umgestaltet werden“
So weit die „Spielregeln“, wie Sie der Sender Vox auf seiner Webseite darlegt.
Da werden also im Ernst Restaurants gegründet, Träume und Konzepte gesponnen und nicht zuletzt Arbeitsplätze geschaffen, damit ein Telefonvoting von Zuschauern nach Nasenfaktor entscheiden darf, wer schließen muss? Das Angebot des Restaurants, die Qualität oder so etwas Schlichtes wie die wirtschaftliche Tragfähigkeit, vulgo auch Umsatz genannt, spielen keine Rolle? Ja, geht’s noch?
Was zu Beginn der Reihe, während der Renovierungsphase, noch als spannend durchgehen konnte, mutiert mit dem weiteren Fortschreiten immer mehr zu einer zynischen Farce. Monatelang wird mit der Existenz einer doch recht stattlichen Zahl von Menschen eine Spielshow für Couch-Potatoes produziert und wir finden das auch noch unterhaltsam?
Zwar kann man jetzt damit argumentieren, dass die Kandidaten schließlich wissen, worauf Sie sich einlassen, aber wo steht denn, dass man alles machen muss, was sich irgendwie in ein Boulevardformat pressen lässt? Das ist mehr als geschmacklos.
Offenbar wurden für dieses fadenscheinige Konzept, wie in einigen Blogbeiträgen, etwa hier, zu lesen war, bestehende Restaurants zu „Ruinen“ umgestaltet, die anschließend von den Kandidaten wieder in Restaurants „zurückgebaut“ werden durften. Der Gewinner, neben dem Sender, ist hier in jedem Fall also der eigentliche Restaurantbetreiber, der, nachdem das Restaurant qua Zuschauervoting wieder „geräumt“ wurde, ein hübsch renoviertes und mit kostenloser Fernsehpromotion versehenes Lokal übernehmen kann.
Denkt dabei eigentlich mal jemand an die Kandidaten? So blauäugig sie auch sein mögen, was für eine unwürdige und Art und Weise ist das denn, einer gesamten Restaurantbesatzung innerhalb von 15 Minuten den berühmten Stuhl vor die Tür zu stellen? Wie zynisch muss man sein, um in der heutigen Zeit ein solches Spiel mit der Existenzangst zu treiben?
Hier wurden immerhin Existenzen geschaffen, die, ganz nebenbei, per Telefonanruf von kaum dazu berufenen „Fachleuten“ zerstört werden. Und ich habe geglaubt, nach Dschungelcamps und diversen Superstar-Suchen ginge es nicht noch weiter nach unten. (tok)