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Artikel mit ‘Cracker’ getagged

Die Jugend von heute …

Donnerstag, 04. Juni 2009

Klischees sind schon eine tolle Sache – mit Ihnen kann man ohne viel Mühe in fast jedem Lebensbereich für Aufsehen sorgen. Eine der bekanntesten und furchtbarsten Klischee-Bedienungsmaschinerien ließ sich schon in den 50er Jahren der US-Senator McCarthy einfallen (Tipp am Rande: der Film „Good Night, and Good Luck“ illustriert das sehr gut).

Auch im IT-Bereich können Klischees enorm hilfreich sein. So bekam ich gerade eine Meldung des IT-Sicherheitsunternehmens Panda Security auf den Tisch, die mir unter dem Titel „Teenager - die Hacker von morgen? Kaum Scheu vor angewandter Online-Kriminalität“ entgegenruft, dass die Hemmschwelle zur Online-Kriminalität bei Teenagern niedrig sei. Illustriert wird das Ganze mit einem Bild, das uns einen typischen jugendlichen „Hacker“ zeigt. Damit man auch gleich dessen kriminelle Absichten erkennt, trägt er natürlich einen für die „Ghetto-Mode“ typischen Kapuzenpulli. Ob es wohl noch etwas platter geht?

Nach diesem ungeheuer glaubwürdigen Einstieg bekommt man dann richtig Lust, die von Panda erstellte Studie, die, wie das Unternehmen sagt, mit 4.091 Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren aus Frankreich, Deutschland, Spanien, Italien, England und der USA durchgeführt wurde, zu lesen.

Lassen wir einmal außen vor, dass es kein gutes Licht auf ein Sicherheitsunternehmen wirft, wenn es auch im Jahr 2009 nicht zwischen Hackern und Crackern differenzieren kann, so kann ich auch mit reißerischen Allgemeinplätzen wie „Profile von Schulkameraden werden gehackt oder fremde Daten und Bilder ohne Einverständniserklärung im Netz publiziert“ nicht wirklich viel anfangen.

Doch wohin die Reise geht, weiß die Pressemitteilung des Hauses, in der ich mehr über diese „gefährlichen Tendenzen“ nachlesen kann.

Wie Panda Security zu berichten weiß, sollen sich 67 Prozent der jugendlichen Internetuser schon einmal als Cyber-Kriminelle betätigt haben.

Da drängen sich dem geneigten Leser gleich ein paar Fragen auf, die Panda zur Sicherheit dann auch gleich selbst formuliert: „Verführt die Anonymität des World Wide Web Halbstarke zu illegalem Verhalten? Werden unbescholtene Teenager die Hacker von morgen?“

Jetzt folgen aber bestimmt auch harte Fakten über die kriminellen Aktivitäten „der Teenager“. Wir erfahren, dass über die Hälfte der Befragten das Internet täglich, durchschnittlich 18,5 Stunden pro Woche, nutzt. Knapp ein Drittel der Zeit soll dabei auf Studienzwecke entfallen, wobei 68 Prozent zum Freizeitvergnügen surfen, chatten, Musik hören, Online-Games spielen oder Videos schauen. Huiii, das ist aber schon arg kriminell, wer hat denn jemals erwartet, dass jemand zum Spaß im Internet unterwegs ist?

„Doch Neugier als treibende Kraft verlockt offenbar zu Unfug: 67 Prozent der Teenager gaben an, sich schon einmal unbefugten Zutritt zu Accounts von Freunden verschafft zu haben. Ein Fünftel versendete oder veröffentlichte sogar Fotos im Internet ohne Einwilligung der Abgebildeten.“

Ah, eine erste wichtige Zahl: 67 Prozent der Befragten – wobei wir nicht wissen, wie diese Gruppe ausgewählt wurde - haben schon einmal versucht, sich Zugang zum Account eines Freundes zu verschaffen. Richtig, hier wird nur der Versuch erwähnt, auch wenn die Pressemitteilung etwas anderes sagt. Von einem erfolgreichen Eindringen ist hier nicht die Rede, ebenso wenig erfahren wir, in welchem Zusammenhang diese Zugangsversuche stattgefunden haben.

Und ein Fünftel hat so etwas so Schlimmes getan wie ein Foto ohne Einwilligung veröffentlicht. Wissen Sie was? Ich kenne eine ganze Menge von Menschen, die Fotos von Veranstaltungen, Parties und Familienfesten im Verein, auf Feiern oder im Familien- und Freundeskreis vorführen – ganz ohne Einwilligung der abgebildeten Personen. Und ich kenne noch mehr Menschen, die schon einmal falsch geparkt haben.

Aber was hat es mit dem Fünftel auf sich: Nun, das sind die 473 Jugendlichen, die ein „kompromittierendes Foto“ eines Freundes ins Internet gestellt haben. Ob dies ohne Einwilligung geschehen ist, wird allerdings in der Studie überhaupt nicht gefragt. Und dass es sich bei den 473 Jugendlichen nicht wirklich um ein Fünftel handeln kann, wird bei kurzem Nachrechnen auch klar. Aber dann merken wir auch erst, dass die genutzte Datenbasis gar nicht die beschriebenen 4091 Jugendlichen sind, sondern nur 3640, nämlich die, die das Internet überhaupt nutzen.

Nun ist es zwar klar, dass ein solcher Urheberrechtsverstoß nicht schön ist, ebenso wenig wie ähnliche unsaubere Aktivitäten. Diese Dinge, die aber eher unter „grober Unfug“ einzusortieren sind, mit Online-Kriminalität gleichzusetzen und um des Verkaufs der Software willen das Bild einer Generation von Gangstern an die Wand zu malen und lustig die eigenen Aussagen zu dramatisieren, finde ich schon ein bisschen arg.

Und es gibt noch mehr kriminelles Potential zu entdecken, denn – oh Graus - die Fertigkeiten im Umgang mit dem „schnellen Medium“ wachsen: „17 Prozent verfügen über das Fachwissen, online Hacker-Programme zu finden, knapp ein Drittel davon gaben an, diese Software schon benutzt zu haben.“ Ist das nicht gruselig? Warten Sie ab, es geht noch viel, viel schlimmer – denn der Grund, warum diese Programme genutzt wurden, war: Neugier. 86% der Befragten – diesmal werden seltsamerweise auch alle die einbezogen, die solche Tools überhaupt nicht benutzt haben – gaben Neugier als Motiv an, gefolgt von „Empfehlung eines Freundes“ und „Verbesserung meiner Computerkenntnisse“. Das klingt ja wirklich brandgefährlich. Allerdings ist weniger die Statistik gefährlich, als der Unfug, den Panda Security mit diesen mageren Daten treibt.

„Dank frei verfügbarer Web-Inhalte können gerade wissbegierige Teenager in Berührung mit illegalen Spionage-Tools kommen. Es gibt Fälle, in denen Jugendliche mit Trojanern ihre Liebsten auskundschaften, die Identitäten ihrer Bekannten in sozialen Netzwerken stehlen oder in Server von Schulen eindringen, um Klassenarbeiten zu manipulieren.“

Der sich so besorgt äußernde Mensch ist Luis Corrons, technischer Direktor von Panda Security. Sicher hat er sogar recht, wenn er sagt, dass es Fälle krimineller Aktivitäten gibt, aber das sind eben einzelne Fälle, die sich leicht mit der Kriminalitätsstatistik auf einen Nenner bringen lassen. Im Bundesgebiet gab es übrigens im Jahr 2007 62.944 erfasste Fälle von Computerkriminalität. Die Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren tauchen mit insgesamt 9,8% in der Statistik für Computerkriminalität auf, vorrangig in den Bereichen Betrug mittels rechtswidrig erlangter Debitkarten mit PIN (dieser Bereich macht zwei von fünf der registrierten Fälle der Gesamtstatistik aus), Datenveränderung und Computersabotage sowie Fälschung beweiserheblicher Daten und Täuschung im Rechtsverkehr bei Datenverarbeitung. 76,6% aller Fälle von Computerkriminalität werden stattdessen von Erwachsenen über 21 Jahre verübt.

Über alle Arten der Kriminalität hinweg, also rund 6.284.661 Fälle, tauchte im Jahr 2007 das Tatmittel „Internet“ in 179.026 Fällen auf. Bei fast drei Viertel der Fälle mit Internet als Tatmittel handelt es sich um Betrugsdelikte (72,6 %), so die offizielle Statistik. Den größten Anteil daran hatte der Warenbetrug mit 40,1%. Auf Straftaten im Zusammenhang mit Urheberrechtsbestimmungen entfiel ein Anteil von 11,9%, auf solche im Zusammenhang mit der Verbreitung pornographischer Schriften 5,6%.

Zum Vergleich: die Jungendkriminalität lag 2007 insgesamt bei 277.447 Tatverdächtigen oder 12,1%.

Wie passt das nun zusammen: Die Computerkriminalität macht etwa 1% der Gesamtstatistik von 2007 aus. Von diesem einen Prozent entfallen rund 6.200 Fälle oder ca. 0,1% auf alle erfassten Kriminalfälle. Panda findet dagegen 67% potentiell kriminelle Jugendliche. Dann haben wir entweder ein irrsinniges Wachstum dieser Straftaten zu erwarten – oder Panda legt andere Kriterien an den Begriff Kriminalität an:

„Um dubiose Aktivitäten unter dem Deckmantel der Anonymität verhindern zu können, muss ein Umdenken in der Internetnutzung erfolgen. Wir sollten junge Menschen ermutigen, das Web als Plattform der persönlichen Entwicklung zu betrachten sowie einen gesunden und angemessenen Umgang mit dem Internet fördern. Wer erst das finanzielle Potenzial illegaler Virenprogrammierung oder Spionage erkennt, übertritt schnell die Schwelle zum Profi-Hacker.“

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