Nicht erst seit den unsäglichen Ideen zur Sperrung von Internetseiten – natürlich nur zu unser aller Besten – zeigt sich immer häufiger die Angst von Verbänden und Institutionen vor etwas, das sie nicht recht unter Kontrolle zu haben glauben: dem Internet.
So glänzen seit einiger Zeit der Deutsche Philologenverband und einige Philologen-Landesverbände mit einer Reihe von skurrilen bis gefährlichen Forderungen, aus denen vor allem ein tiefes Misstrauen gegenüber der Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit der Internetanwender spricht.
Leider glänzen die Verbände dabei selbst weniger durch besondere Fachkenntnis als durch ein gewisses Geschick im öffentlichkeitswirksamen Aufschrei. Erst im September 2008 erklärte etwa der Bayrische Philologenverband das Rollenspiel „World of Warcraft“ zum brutalen Killerspiel – eine Wertung, die man kurz danach zurückzog:
„In der Pressemiteilung vom 09.09.2008 ist uns ein Fehler unterlaufen: „World of Warcraft“ ist natürlich kein Beispiel eines für besondere Brutalität bekannten Spiels und nicht vergleichbar mit Shootern wie etwa „Counterstrike“ oder „Manhunt“. – Danke für die zugesandten Hinweise auf dieses Versehen!“
Doch nicht nur Computerspiele gehören zu den suspekten, neumodischen Dingern, die man in diesem seltsamen Internet findet – nein, da erdreisten sich einige Anwender auch, ihre Meinung zu Lehrern öffentlich zu machen und Bewertungen zu ermöglichen.
Bereits die Benotungsplattform spickmich.de sorgte für einige Aufregung. Nun eröffneten die spickmich-Betreiber die Seite „Schulradar“, auf der Eltern in sechs Kategorien Urteile über Schulen abgeben können. Verschiedene Aspekte, wie etwa Schulgebäude, Schulklima und Schulleitung können dort bewertet werden. Das wird anscheinend nicht gern gesehen und wieder sieht sich ein Philologenverband, diesmal der aus Nordrhein-Westfalen, genötigt, öffentlich Position zu beziehen:
„Wie bereits bei Spickmich liegt das Kernproblem darin, dass das Internet-Forum eine Pseudokommunikation darstellt. Statt Gespräche zwischen Eltern, Schulleitungen, Schulträgern und Lehrerschaft zu fördern, verliert sich der sinnvolle kritisch-konstruktive Meinungs-, Erfahrungs- und Informations-austausch im virtuellen Raum.“
Es sei einmal dahingestellt, ob eine solche Bewertungsplattform gut oder schlecht ist – interessant ist aber, dass hier eine merkwürdige Ursache-Wirkung-Konstellation konstruiert wird: Gespräche zwischen Eltern und Lehrern gehen durch die Nutzung einer Internet-Plattform verloren? Das mutet doch etwas merkwürdig an, zumal das direkte Gespräch doch in der Entscheidung von Eltern und Lehrern liegt. Wird plötzlich der Elternabend geschwänzt, weil es im Internet schulradar.de gibt? Oder könnten die Ursachen nicht doch woanders liegen?
Die all zu heftigen Reaktionen lassen seltsamerweise eines vermissen, was man doch gerade von Lehrern erwarten sollte: einen eigenen, konstruktiven Vorschlag zur Verbesserung der anscheinend ja nicht so glücklichen Kommunikationssituation und eigene Vorschläge zur Bewertung von Lehrern und Schulen vor Ort.
Die schlichte Behauptung, eine Internetplattform, in diesem Falle spickmich.de, habe zur „Sprachverkümmerung zwischen Lehrern und Schülern beigetragen“ und die neue Bewertungsplattform würde ebenso „die Sprachlosigkeit zwischen Eltern und Schulen“ begünstigen, greift da deutlich zu kurz.
Wie sehr die Verbände den Blick auf Ursache und Wirkung verloren haben, bewies kürzlich der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, der die Indizierung von Webseiten, die Anorexie und Bulimie fördern, fordert. Diese Webseiten mögen übel sein oder von schlechtem Geschmack zeugen, aber wie kann es denn sein, dass hier mit geschätzten Zahlen zu einer Indizierung aufgerufen wird? Diese Webseiten sind doch nicht Ursache des Problems, sondern ein Symptom. Und sollte man nicht voraussetzen, dass auch die Internetnutzer selbst entscheiden können, wie sie eine solche Webseite einschätzen?
Herr Meidinger fordert nun energische Schritte – nicht von den Eltern, nicht von den Lehrern, sondern von der Politik. Ein Schelm, wem dabei der Spruch „Aus den Augen, aus dem Sinn“ einfällt.
Auf die Nachfrage, auf welcher Grundlage der Verband die Aussage, „dass 80 Prozent der Foren und Websites zum Thema Magersucht als jugendgefährdend einzustufen“ seien, getroffen hat, habe ich leider bisher keine Antwort erhalten. Ebensowenig hat sich der Philologenverband bisher dazu geäußert, ob es neben der Indizierungsforderung noch weitere Initiativen des DPHV zum Thema „Magersucht“ gibt.
Leider hat der Verband bisher auch keine Auskunft darüber gegeben, wie er die geschätzte Zahl von rund 1.000 „Pro-Ana“-Seiten ermittelt hat und wie er sich vorstellt, dass die geforderte Indizierung umgesetzt werden soll.
Übrig bleibt der Eindruck, dass das Internet in erster Linie mit einer Mischung aus Angst und Unverständnis betrachtet wird – die Reaktion ähnelt der unserer Politiker – und gern mit der großen Kelle ausgeteilt wird, wobei sich Ursache und Wirkung ein wenig im Nirvana verlieren.