Am 10. Dezember 1948 wurde die Resolution 217 A (III) der Vereinten Nationen verabschiedet, besser bekannt als Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Anlässlich dieses Datums möchte ich Ihnen einen Artikel vorstellen, den ich auf der Webseite des Magazins c’t gefunden habe. Unter dem Titel „Wie IT-Firmen ihre Kooperation mit „restriktiven Ländern“ rechtfertigen“ wird hier beleuchtet, wie sich Unternehmen bedenklichen Regimen andienen, um dort gute Geschäfte zu machen.
Wenn Sie sich fragen, was beispielsweise Technologiefirmen wie Cisco Systems, Google, Yahoo, Microsoft oder Skype gemeinsam haben, werden Sie unter anderem auf Vorwürfe stoßen, dass diese Unternehmen für China und andere autoritäre Regime wie etwa Vietnam oder Zimbabwe Hilfsmittel zur Internetüberwachung liefern und bei der Einschränkung des Informationszugangs tätig sind.
Spätestens seit der Olympiade in China ist bekannt, dass etliche Firmen im Sinne des Profits gern mal bei der Zensur behilflich sind oder auch „mit anfassen“, wenn es darum geht, Regimekritiker ins Gefängnis zu bringen.
Interessant ist aber vor allem ein Blickpunkt des Artikels: Florian Toncar, Sprecher für Menschenrechte der FDP-Bundestagsfraktion, wollte etwas mehr über diese Verflechtungen wissen und er hat eine Umfrage bei verschiedenen ausländischen Firmen gestartet: „Es geht dabei um die Zukunft des freien Internet“, begründet der Liberale seinen Vorstoß gegenüber c’t. „Das bewegt die Nutzer weltweit.“ Er wolle, so die c’t, kein „öffentlich zugeteiltes“ Internet, wo Informationen nach Gusto des Staates verbreitet werden.
Und nun können Sie raten, was die Unternehmen Herrn Toncar geantwortet haben? Kommen Sie darauf? Richtig, sie sagten – nichts. Oder fast nichts, denn zumindest der Achim Berg, Chef von Microsoft Deutschland, antwortete dann doch nach nur knapp zwei Monaten „mit der Anerkennung der ‚wichtigen Rolle’, die Internetfirmen ‚bei der Umsetzung der Informations- und Meinungsfreiheit’ zukomme. Private Unternehmen müssten sich aber beim Operieren auf dem Weltmarkt den ‚Gesetzen eines jeden Staates unterordnen’“.
Neben diesem Wischiwaschi erklärte Berg dann noch, so die c’t, dass es eben deshalb notwendig gewesen sei, auf Verlangen der chinesischen Regierung ein Blog von der Plattform MSN Spaces zu entfernen. Auf das Ausfiltern von Begriffen wie „Freiheit“ oder „Demokratie“ auf MSN Spaces in China ging Berg laut dem c’t-Artikel nicht ein.
Nun gab Herr Toncar aber nicht so schnell auf und schickte eine Erinnerung, woraufhin sich auch die PR-Abteilung von Yahoo Deutschland erinnerte, vielleicht doch einmal einem Mitglied des Bundestages antworten zu können. Und weil sie sich schon so anstrengend erinnert hat, schickte sie dann „eine kurze E-Mail, in der sie auf Materialien der Mutterfirma zu geplanten Selbstkontrollvereinbarungen gemeinsam mit anderen Netzgrößen und Anhörungen im US-Kongress verwies“.
Der geneigte Leser mag sich daran erinnern, dass Yahoo sich zu einer recht unrühmlichen führenden Rolle in Sachen China-Kooperationen emporgebüttelt hat. Das chinesische Tochterunternehmen des sich ansonsten so locker und freundlich gebenden Suchmaschinen- und Mailanbieters hat die chinesische Polizei unter anderem bei der Ergreifung des Dissidenten Shi Tao unterstützt. „Der Justiziar von Yahoo, Michael Callahan, betonte gegenüber US-Abgeordneten, dass aus der Anforderung der Ermittler nicht hervorgegangen sei, um welche Person und welchen Fall es sich gehandelt habe. Man habe den Vermerk, dass es um ein „Staatsgeheimnis“ gehe, nicht genügend beachtet“, zitiert die c’t den doch erstaunlich lässigen Umgang mit den Folgen für das Leben der betroffenen Menschen.
Auch bei Skype meldete man sich ‚nach dem zweiten Klingeln’. Stephen Collins, Regulierungsexperte bei Skype in Luxemburg, „räumte ein, dass das chinesische Joint Venture „Tom“ aufgrund lokaler Vorgaben einen Textfilter im Rahmen der Chat-Funktion einsetze. Es stehe aber auch der reguläre Skype-Client für Mandarin auf der Luxemburger Webseite zur Verfügung. Bei der Kommunikation zwischen Skype-Nutzern werde weiter die Sicherheit auf der gesamten Übertragungsstrecke gewährleistet und die Privatsphäre geschützt“.
Ob das wohl so stimmt? Laut c’t meldete die kanadische Forschungsgruppe Citizen Lab zwei Wochen später, dass Skypes Tom geblockte Nachrichten, darauf bezogene Nutzerdaten wie IP-Adressen und Telefonnummern sowie Entschlüsselungscodes auf chinesischen Servern offen ins Netz gestellt habe.
So richtig nett war aber die Reaktion von Mark Chandler, einem Justiziar bei Cisco. Erstaunlicherweise nahm er sich als einziger Firmenvertreter Zeit für ein persönliches Gespräch, in dem er aber erstaunlich blauäugig erschien. Man habe, so betonte er, Router nach China geliefert, aber nur mit Standard-Software. Es seien keine erweiterten Überwachungsfunktionen geliefert worden. Und auch dem Pekinger „Public Security Bureau“ habe man keine Überwachungstechnik geliefert. Nein, natürlich nicht – „der chinesische Geheimdienst [habe] Hard- und Software im Gegenwert von sechs Millionen US-Dollar erhalten, um Hackerangriffe abzuwehren“. Ist er nicht herzig?
Aber es geht sogar noch besser: Auch bei der Beteiligung am Projekt „Golden Shield“ ginge es nicht um eine weitere Firewall für China, sondern um eine Verbesserung der innerbehördlichen Kommunikationsfähigkeit.
Aber Chandler ist auch ehrlich – er hält eine Selbstverpflichtung auf die Einhaltung von Menschenrechtsstandards im Hardware-Sektor für nicht realistisch, da Wettbewerber wie Nokia oder Siemens weniger in der Kritik stünden und nicht an einer Kooperation interessiert seien.
Google hat Toncar gegenüber das gemacht, was es als typische Kommunikationsunternehmen besonders gut kann – das Unternehmen schwieg.
Allerdings hat der Suchmaschinenriese mit Microsoft und Yahoo einen Verhaltenskodex für „restriktive“ Länder im Rahmen der Global Network Initiative (GNI) ausgearbeitet, an der auch Bürgerrechtsorganisationen wie die Electronic Frontier Foundation und das Center for Democracy & Technology beteiligt sind.
Diese Initiativ, die immerhin ein Schritt in die richtige Richtung ist, soll dafür sorgen, dass die Unternehmen auch im Ausland die Meinungsfreiheit und die Privatsphäre ihrer Kunden achten.
Insgesamt ist das alles aber doch erbärmlich genug und man kann Toncar nur zustimmen, wenn er fordert, dass Unternehmen sich in Ländern, die verlangen, dass Menschen der Staatsmacht ausgeliefert werden sollen, nicht engagieren sollten. Auch spricht nichts dagegen, dass diese international aufgestellten Unternehmen Nutzerdaten nicht lokal in autoritären Ländern speichern, sondern auf Servern, wo die Sicherheit dieser Daten gewährleistet ist.
Doch es sind nicht nur US-Unternehmen, die in autoritären Staaten Kasse machen. Auch die EU-Wirtschaft hat, so Toncar, Nachholbedarf bei der Beschäftigung mit Menschenrechtsfragen. Während in den USA der Global Internet Freedom Act und der Yahoo-Prozess für eine Bewegung hin zu einer Selbstverpflichtung geführt haben, fehlt es in Europa noch an der entsprechenden Einstellung.
So weist der Artikel darauf hin, dass beispielsweise „Siemens laut Menschenrechtsorganisationen Überwachungskomponenten nach China [liefert], Telecom Italia (…) eng mit einem kubanischen Internetprovider zusammen[arbeitet und] der französische Anbieter Wanadoo mit Tunesien“.
Toncar unterstützt Bestrebungen, in Europa ein Internetfreiheitsgesetz auf den Weg zu bringen, wird aber mit der Aussage zitiert, dass es ihm lieber sei, wenn die IT-Industrie in der EU selbst erkennen würde, dass das Netz offen zugänglich bleiben müsse: „Sonst haben wir bald ein ,öffentlich zugeteiltes’ Internet, wo Informationen nach Gusto des Staates verbreitet werden.“
Auch sei es kein Weg, dass sich Unternehmen ganz aus autoritären Ländern heraushalten würden, denn: „Der Öffnungseffekt durch das Internet ist auch dort gewaltig.“