Sie sind zwar selten geworden, aber es gibt sie noch: die Tage, an denen nichts Besonderes passiert. Zeit, mal wieder alte Unterlagen durchzugehen und die E-Mail-Ablage aufzuräumen. Dabei ist mir, als ich so die alten E-Mails durchgesehen habe, doch noch etwas aufgefallen. Im Unterschied zur Briefpost gibt es nämlich bei der elektronischen Post jede Menge verschiedener Arten von Schreibern.
Hier blüht eine Vielfalt, wie man sie vorher bei der Übermittlung von Informationen kaum gekannt hat. Ihnen gemein ist eigentlich nur eines: Sie leben ihren individuellen Stil aus – ohne Rücksicht auf Konventionen oder Lesbarkeit, dafür oft mit einem lässigen Verzicht auf lästige Nichtigkeiten wie Höflichkeit und Rechtschreibung.
Ich habe Ihnen hier mal einige E-Mail-Typen zusammengestellt, die mir besonders ins Auge gefallen sind:
Der Schreier
Er nutzt die E-Mail, um den Empfänger ohne Ansatz virtuell anzuschreien. Seine Schreiben kennen keine Anrede, dafür aber jede Menge Ausrufezeichen, manchmal noch unterstützt durch den vollendeten Einsatz von Großbuchstaben. Er artikuliert sich so kurz es eben geht, ohne dem Empfänger eine Möglichkeit zu geben, zu erkennen, worauf er sich eigentlich bezieht. So schreibt er gern Sätze wie „WAS SOLL DAS SEIN????“, denn der Empfänger wird schon wissen, wovon hier die Rede ist.
Der fachkundige Lebensbeichtler
Er ist eigentlich der netteste Schreiber aus der Sammlung und nimmt konkret Bezug auf den Empfänger. Bevor er jedoch zum Punkt kommt, hat er auf mindestens zwei Seiten (da muss es so etwas wie eine Mindestgrenze geben, denn darunter habe ich es noch nie erlebt), seine Schullaufbahn, den Werdegang von mindestens zwei Haustieren und die Firmenhistorie des Onkels mütterlicherseits erzählt – der war nämlich auch in der Branche und hat schon 1956 immer gesagt, dass es nämlich auch so und so ginge. Seine E-Mails sind immer wieder Kabinettstückchen, nur verliert man als Leser leicht den Faden und fragt sich, wo er denn nun hin möchte.
Der moralisch Entrüstete
Unser Mann (übrigens können natürlich auch immer Frauen gemeint sein – ich mache es mir hier nur etwas einfacher und verzichte auf die politisch korrekte, aber lesehemmende Doppelform) weiß ganz genau, was sich gehört und sagt es auch laut und deutlich. Leider entgeht im bei seiner Suche nach Reizworten die ein oder andere Feinheit, was er sofort mit einer passenden Drohung – das tue ich mir nicht mehr länger an – ausgleicht. Damit man erst gar nicht auf die Idee kommt, eine andere Meinung zu haben, fällt er sein Urteil pauschal und im Gefühl, für die Allgemeinheit zu sprechen: „Das war geschmacklos. Was soll dieser Schwachsinn?“.
Der Stolperer
Der Stolperer schreibt gern und viel, manchmal sogar als Vertreter eines Verbandes oder einer Organisation. Ihm ist der Inhalt wichtig – fast so wichtig wie die Tatsache, dass er, er allein, diese Wichtigkeiten verbreitet. Dass dabei die deutsche Sprache auf der Strecke bleibt, ist ihm egal, denn es kommt ja auf den Inhalt an. Da kann sich der Empfänger ruhig ein bisschen beim Entschlüsseln der Sätze etwas anstrengen: „Wir halten es für unzulässig die Kandidatur von Kandidaten auf den Listen der „Partei“ mit der Entscheidung zur „Herausbildung einer neuen politischen Formation“ zu verbinden.“ In seiner übelsten Ausprägung verzichtet der Stolperer nicht nur auf Kommas, sondern verteilt auch die Groß- und Kleinschreibung nach einem nur ihm bekannten, geheimen Prinzip. Auch korrekte Konjunktive stören den Vertreter der „Rettet dem Dativ“-Bewegung aufs heftigste.
Der Zitierer
Er nimmt gern Bezug auf eine Mail, die er in seiner Antwort zitiert (neudeutsch: „quoted“). Allerdings freut ihn sein Zitat erst richtig, wenn er die gesamte E-Mail, auf die er mit einem eigenen, kurzen Satz antwortet, dem Empfänger zurückschickt – am allerliebsten zitiert er daher ganze E-Mail-Wechsel Dritter, aus der sich der Empfänger dann selbst das ihn betreffende Stück heraussuchen darf. Ordnungsgemäßes zitieren, also nur mit dem Satz, auf den er sich bezieht, ist ihm ein Graus. Dass die E-Mail durch die unnötigen Zitate immer größer und unlesbarer wird, ist dagegen nicht so wichtig.
Der Schweiger
An sich nette Menschen, denen man aus irgendeinem Grund eine E-Mail schreibt. Sei es, weil man über die Firma oder den Verein, den sie vertreten, etwas erfahren möchte, sei es, weil sie eine Frage gestellt haben, die man gern beantworten würde, zu der aber noch einige zusätzliche Informationen notwendig sind. Kaum hat man eine E-Mail an diese besondere Sorte von E-Mail-Nutzern geschickt, verfallen sie in tiefes Schweigen und antworten einfach nicht mehr – weder nach einigen Stunden noch nach einigen Tagen. Von manchen hört man dann jahrelang nichts mehr (ob sie wohl vor lauter Schreck den Rechner nicht wieder angerührt haben?), andere melden sich nach Monaten und knüpfen an die alte, längst vergessene E-Mail an, als sein nichts passiert.
Diese Phänotypen können übrigens auch in Mischformen auftreten – dann wird es ganz schlimm.
Natürlich gibt es neben diesen speziellen Kandidaten auch noch die Mehrzahl der E-Mail-Schreiber, so wie Sie, die sich an die Gepflogenheiten des elektronischen Briefverkehrs halten.
Sie antworten rasch und senden, zumindest, wenn sie nicht sofort auf die E-Mail eingehen können, eine Eingangsbestätigung, damit man weiß, dass eine Antwort folgen wird. Sie zitieren auch aus E-Mails, in dem sie die relevanten Sätze mit einem Zitatzeichen wie „>“ in ihre eigene E-Mail einkopieren und direkt auf die zitierte Stelle Bezug nehmen. Der Inhalt der E-Mail wird vorher kurz überlegt, es wird geprüft, ob sie für den Empfänger sinnvoll und verstehbar ist und ob auf gestellte Fragen eingegangen wurde und nicht die ersten drei Worte als Grund, eine völlig andere Geschichte zu erzählen, genutzt wurden.
Diese Schreiber behandeln ihre E-Mails wie Briefe – sie unterbrechen den schnellen Weg zwischen Gehirn, Tastatur und Sendetaste und lesen das Getippte anschließend Korrektur – zum Teil auch mit elektronischen Helfern, die die gröbsten Schnitzer entfernen können und verhindern so, dass ein E-Mail-Empfänger den Eindruck gewinnt, er sei so uninteressant, dass man ihm weder eine ordentliche Rechschreibung noch eine ordentliche Anrede gönnen müsse.
So ist eben doch immer etwas los, wenn nichts los ist. Mein E-Mail-Ordner ist jedenfalls wieder ein bisschen ordentlicher geworden.


