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Artikel mit ‘Befindlichkeit’ getagged

Heute ist mal nichts los

Montag, 25. Mai 2009

Sie sind zwar selten geworden, aber es gibt sie noch: die Tage, an denen nichts Besonderes passiert. Zeit, mal wieder alte Unterlagen durchzugehen und die E-Mail-Ablage aufzuräumen. Dabei ist mir, als ich so die alten E-Mails durchgesehen habe, doch noch etwas aufgefallen. Im Unterschied zur Briefpost gibt es nämlich bei der elektronischen Post jede Menge verschiedener Arten von Schreibern.

Hier blüht eine Vielfalt, wie man sie vorher bei der Übermittlung von Informationen kaum gekannt hat. Ihnen gemein ist eigentlich nur eines: Sie leben ihren individuellen Stil aus – ohne Rücksicht auf Konventionen oder Lesbarkeit, dafür oft mit einem lässigen Verzicht auf lästige Nichtigkeiten wie Höflichkeit und Rechtschreibung.

Ich habe Ihnen hier mal einige E-Mail-Typen zusammengestellt, die mir besonders ins Auge gefallen sind:

Der Schreier

Er nutzt die E-Mail, um den Empfänger ohne Ansatz virtuell anzuschreien. Seine Schreiben kennen keine Anrede, dafür aber jede Menge Ausrufezeichen, manchmal noch unterstützt durch den vollendeten Einsatz von Großbuchstaben. Er artikuliert sich so kurz es eben geht, ohne dem Empfänger eine Möglichkeit zu geben, zu erkennen, worauf er sich eigentlich bezieht. So schreibt er gern Sätze wie „WAS SOLL DAS SEIN????“, denn der Empfänger wird schon wissen, wovon hier die Rede ist.

Der fachkundige Lebensbeichtler

Er ist eigentlich der netteste Schreiber aus der Sammlung und nimmt konkret Bezug auf den Empfänger. Bevor er jedoch zum Punkt kommt, hat er auf mindestens zwei Seiten (da muss es so etwas wie eine Mindestgrenze geben, denn darunter habe ich es noch nie erlebt), seine Schullaufbahn, den Werdegang von mindestens zwei Haustieren und die Firmenhistorie des Onkels mütterlicherseits erzählt – der war nämlich auch in der Branche und hat schon 1956 immer gesagt, dass es nämlich auch so und so ginge. Seine E-Mails sind immer wieder Kabinettstückchen, nur verliert man als Leser leicht den Faden und fragt sich, wo er denn nun hin möchte.

Der moralisch Entrüstete

Unser Mann (übrigens können natürlich auch immer Frauen gemeint sein – ich mache es mir hier nur etwas einfacher und verzichte auf die politisch korrekte, aber lesehemmende Doppelform) weiß ganz genau, was sich gehört und sagt es auch laut und deutlich. Leider entgeht im bei seiner Suche nach Reizworten die ein oder andere Feinheit, was er sofort mit einer passenden Drohung – das tue ich mir nicht mehr länger an – ausgleicht. Damit man erst gar nicht auf die Idee kommt, eine andere Meinung zu haben, fällt er sein Urteil pauschal und im Gefühl, für die Allgemeinheit zu sprechen: „Das war geschmacklos. Was soll dieser Schwachsinn?“.

Der Stolperer

Der Stolperer schreibt gern und viel, manchmal sogar als Vertreter eines Verbandes oder einer Organisation. Ihm ist der Inhalt wichtig – fast so wichtig wie die Tatsache, dass er, er allein, diese Wichtigkeiten verbreitet. Dass dabei die deutsche Sprache auf der Strecke bleibt, ist ihm egal, denn es kommt ja auf den Inhalt an. Da kann sich der Empfänger ruhig ein bisschen beim Entschlüsseln der Sätze etwas anstrengen: „Wir halten es für unzulässig die Kandidatur von Kandidaten auf den Listen der „Partei“ mit der Entscheidung zur „Herausbildung einer neuen politischen Formation“ zu verbinden.“ In seiner übelsten Ausprägung verzichtet der Stolperer nicht nur auf Kommas, sondern verteilt auch die Groß- und Kleinschreibung nach einem nur ihm bekannten, geheimen Prinzip. Auch korrekte Konjunktive stören den Vertreter der „Rettet dem Dativ“-Bewegung aufs heftigste.

Der Zitierer

Er nimmt gern Bezug auf eine Mail, die er in seiner Antwort zitiert (neudeutsch: „quoted“). Allerdings freut ihn sein Zitat erst richtig, wenn er die gesamte E-Mail, auf die er mit einem eigenen, kurzen Satz antwortet, dem Empfänger zurückschickt – am allerliebsten zitiert er daher ganze E-Mail-Wechsel Dritter, aus der sich der Empfänger dann selbst das ihn betreffende Stück heraussuchen darf. Ordnungsgemäßes zitieren, also nur mit dem Satz, auf den er sich bezieht, ist ihm ein Graus. Dass die E-Mail durch die unnötigen Zitate immer größer und unlesbarer wird, ist dagegen nicht so wichtig.

Der Schweiger

An sich nette Menschen, denen man aus irgendeinem Grund eine E-Mail schreibt. Sei es, weil man über die Firma oder den Verein, den sie vertreten, etwas erfahren möchte, sei es, weil sie eine Frage gestellt haben, die man gern beantworten würde, zu der aber noch einige zusätzliche Informationen notwendig sind. Kaum hat man eine E-Mail an diese besondere Sorte von E-Mail-Nutzern geschickt, verfallen sie in tiefes Schweigen und antworten einfach nicht mehr – weder nach einigen Stunden noch nach einigen Tagen. Von manchen hört man dann jahrelang nichts mehr (ob sie wohl vor lauter Schreck den Rechner nicht wieder angerührt haben?), andere melden sich nach Monaten und knüpfen an die alte, längst vergessene E-Mail an, als sein nichts passiert.

Diese Phänotypen können übrigens auch in Mischformen auftreten – dann wird es ganz schlimm.

Natürlich gibt es neben diesen speziellen Kandidaten auch noch die Mehrzahl der E-Mail-Schreiber, so wie Sie, die sich an die Gepflogenheiten des elektronischen Briefverkehrs halten.

Sie antworten rasch und senden, zumindest, wenn sie nicht sofort auf die E-Mail eingehen können, eine Eingangsbestätigung, damit man weiß, dass eine Antwort folgen wird. Sie zitieren auch aus E-Mails, in dem sie die relevanten Sätze mit einem Zitatzeichen wie „>“ in ihre eigene E-Mail einkopieren und direkt auf die zitierte Stelle Bezug nehmen. Der Inhalt der E-Mail wird vorher kurz überlegt, es wird geprüft, ob sie für den Empfänger sinnvoll und verstehbar ist und ob auf gestellte Fragen eingegangen wurde und nicht die ersten drei Worte als Grund, eine völlig andere Geschichte zu erzählen, genutzt wurden.

Diese Schreiber behandeln ihre E-Mails wie Briefe – sie unterbrechen den schnellen Weg zwischen Gehirn, Tastatur und Sendetaste und lesen das Getippte anschließend Korrektur – zum Teil auch mit elektronischen Helfern, die die gröbsten Schnitzer entfernen können und verhindern so, dass ein E-Mail-Empfänger den Eindruck gewinnt, er sei so uninteressant, dass man ihm weder eine ordentliche Rechschreibung noch eine ordentliche Anrede gönnen müsse.

So ist eben doch immer etwas los, wenn nichts los ist. Mein E-Mail-Ordner ist jedenfalls wieder ein bisschen ordentlicher geworden.

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Magenta-Aliens?

Mittwoch, 25. März 2009

Erinnern Sie sich noch so ein bisschen an die Telekom? Das war das Unternehmen, das sich unter anderem durch die Bespitzelung von Aufsichts-, Betriebs- und sonstigen Räten hervorgetan hat – natürlich nur, um Schlimmeres vom deutschen Volk und dem Staat abzuwenden. Oh, halt – das letzte gehört ja zu diesem anderen Laden. Vergessen Sie also bitte Volk und Staat – das gehört dem Innenministerium. Sprachlich gesehen. Natürlich.

Also, die Telekom – da muss irgendetwas passiert sein, so ganz schleichend. Erinnern Sie sich beispielsweise noch an diese Meldung (1) vom Januar:

heise

Ausriss aus http://www.heise.de. Hervorhebung und Ausriss von tok

Haben Sie’s bemerkt? Ausgerechnet unsere doch sonst so betulich und staatstragend auftretende Telekom plant – anscheinend mit Blick auf das BKA – einen beschlagnahmesicheren Server? Was ist da passiert?

Doch damit nicht genug – die Telekom verweigert der Familienschützerin Ursula von der Leyen die Gefolgschaft. (2) Doch, wirklich! Man mag es nicht für möglich halten: Was für Vodafone und Kabel kein Problem darstellt, ist für die Telekom nicht möglich. Der „rosa Riese“ will Webseiten tatsächlich erst dann filtern, wenn es auch eine gesetzliche Grundlage dafür gibt.

Was für ein seltsames Ansinnen. Als ob sich ein deutscher Politiker von gesetzlichen Grundlagen behindern ließe, wenn er sich eine Idee in den Kopf gesetzt hat. Dabei stören hierzulande in alter Tradition weder technische noch ethische Unmöglichkeiten beim Aufblasen von publikumswirksamen Ballons.

Das Verhalten der Telekom lässt sich eigentlich nur dadurch erklären, dass der Vorstand gekidnappt und durch Aliens ausgetauscht wurde – die sind mit unseren Gepflogenheiten noch nicht so vertraut und lassen dann manchmal so seltsam staatsbürgerliche Ideen vom Stapel.

Apropos Ballons: Im Rahmen der bewährten und gerade warmgelaufenen Argumentationsmaschine, die Menschen mit verfassungsrechtlichen Bedenken eine Blockadehaltung vorwirft, findet sich noch ein wunderbarer sprachlicher Nebelwurf von Wolfgang Bosbach, dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für die Bereiche Innen, Recht, Vertriebene, Flüchtlinge, Sport, Kunst, Kultur und Medien. Das ist viel, nicht? Ach ja, und gelernter Rechtsanwalt ist er auch noch. Der gute Mann teilt uns also mit: „Hinter jedem Bild steckt ein missbrauchtes Kind. Es wäre schlimm, wenn es darüber zu einer parteipolitischen Auseinandersetzung käme.“ (2)

Nee, das wäre überhaupt nicht schlimm. Das würde nämlich an den Mißbrauchsfällen ebenso wenig ändern wie die von der Leyensche Idee der Symptombehandlung nach dem Motto ‚was ich nicht sehe, existiert auch nicht’. Außerdem ist die Frage, wer wann wo und wie Informationen kontrolliert, etwas ganz anderes als eine parteipolitische Frage. Aber das weiß Herr Bosbach sicher.

Hoffentlich kommen bald ein paar von diesen Aliens auf die Idee, unsere Politiker auszutauschen.

(1) = http://www.heise.de/newsticker/Elektronische-Gesundheitskarte-Erste-Patientenakten-gehen-online–/meldung/121569

(2) = http://www.ksta.de/html/artikel/1233584159253.shtml

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Amokandrohung im Internet kein Kavaliersdelikt

Dienstag, 24. März 2009

Seit der schrecklichen Tat am 11. März 2009 in Winnenden häufen sich die Androhungen von Trittbrettfahrern im Internet. Allein bei der Online-Community kwick.de konnten bisher 20 Täter dingfest gemacht werden. Oft nur als Scherz gedacht, vergessen Jugendliche dabei häufig, dass sie sich mit einer solchen Drohung strafbar machen. Die „Störung des öffentlichen Friedens“ ist kein Kavaliersdelikt uns kann hohe Kosten mit sich bringen. Um möglichst schnell zu reagieren, setzten viele Communities auf den direkten Draht zu den Behörden und Angehörigen.

Am Stuttgarter Amtsgericht fiel nun ein Urteil gegen einen Trittbrettfahrer, der einen Amoklauf angekündigt hatte. Das Resultat: Fünf Monate auf Bewährung mit strengen Auflagen, 120 Arbeitsstunden und einem Schadensersatz, der sich gewaschen hat. Dabei wollte der junge Vater sich „doch nur einen Scherz erlauben“. Einen Scherz, dessen Konsequenzen er nun zu tragen hat.

Communitys werden immer mehr zum Dreh- und Angelpunkt im Leben von Jugendlichen. Oftmals dienen diese Plattformen mittlerweile als Ersatz für die üblichen Kommunikationswege wie E-Mail und SMS.

„Bei so vielen Menschen ist es völlig klar, dass auch wir uns mit derartigen Problemsituationen auseinander setzen müssen. Auf Plattformen in der Größe von Kwick! kann man solche Dinge nicht verleugnen“, sagt Pressesprecher Kai Hummel. „Was wir tun können, ist möglichst präventiv zu arbeiten und auf eine gute Zusammenarbeit mit den Behörden zu setzen.“

So wurde seit dem 11. März eine Hotline geschaffen, die rund um die Uhr besetzt, um im Falle einer Amokdrohung möglichst schnell reagieren zu können. 20 Täter haben so mittlerweile Bekanntschaft mit der Kriminalpolizei gemacht.

Dabei wurde auch erneut die Frage nach dem Datenschutz laut. Hummel: „Wir geben nur in begründeten und dringlichen Fällen die Daten an die Polizei weiter. Normale Mitglieder haben nichts zu befürchten. Wer allerdings eine Amokdrohung ins Internet stellt, muss damit rechnen, dass die Polizei klingelt, da kennen wir kein Pardon.“

Kriminaloberrat Thomas Schöllhammer sieht die Situation ähnlich: „Wir schreiten konsequent ein. Es gibt Null Toleranz für Trittbrettfahrer.“

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Politik per Mausklick

Montag, 23. März 2009

Bei politischen Entscheidungen mit großer Tragweite melden sich die Aktivisten des Online-Netzes Campact.de regelmäßig zu Wort. Klimapolitik, Entwicklungspolitik oder aktuell die Haltung der Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner zur Gentechnik sind Thema  (http://www.campact.de). Vier Jahre nach der Gründung hat heute Campact die Marke von 100.000 Online-Aktiven überschritten.

“Das Campact-Netz hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt”, freut sich Campact-Mitinitiator Christoph Bautz über das rasche Wachstum.

“Aus verbreiteter Wahlmüdigkeit und Abkehr von Parteien wird gerne geschlossen, dass Menschen politisch sich nicht beteiligen wollen. Dabei fehlt es vor allem an unkomplizierten Möglichkeiten, sich einzumischen. Diese bietet Campact”, analysiert Campact-Vorstand Dr. Günter Metzges.

Mit Kampagnen wie “Atomkraft jetzt abschalten”, “Bahnprivatisierung stoppen” oder “Gen-Mais verbieten” mobilisiert Campact jeweils zehntausende Menschen. Politische Entscheidungsträger werden mit dem Bürgerprotest konfrontiert.

Campact bietet unterschiedliche Beteiligungsformen. Dazu zählen Online-Appelle an Regierungsvertreter, Mail-Aktionen an die Abgeordnete aus dem jeweiligen Wahlkreis oder Spenden-Aktionen für Zeitungsanzeigen. Namen oder Zahl der Unterstützer werden mit öffentlichen Aktionen präsentiert.

Die Diskussion nach innen wird ebenfalls gepflegt: Neue Kampagnenideen werden zum Beispiel 1.000 zufällig ausgewählten Online-Aktiven zur Kommentierung geschickt. Die Slogans für die jüngste Plakataktion haben die Campact-Onliner selbst vorgeschlagen und dann die besten ausgewählt.

Die gemeinnützige Organisation “Campact e.V. - Demokratie in Aktion” wurde 2004 gegründet. Die Kampagnen werden vor allem durch Tausende Spenden von Bürgern sowie Stiftungsgelder ermöglicht. Der Bezug des Newsletters über http://www.campact.de ist kostenlos.

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Von wegen Thema Nr. 1

Montag, 02. März 2009

Ein Gespräch zu führen, wird anscheinend immer schwieriger – jedenfalls, wenn wir den Ergebnissen der Erhebung «Gesprächskultur in Deutschland» folgen, die das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag eines Kaffeerösters und einer Frauenzeitschrift durchgeführt hat. Wenn die Allensbacher Recht haben, gibt es eine deutlich zunehmende kommunikative Trennung der Generationen.

Im Klartext heißt das, dass die Generation ab einem Alter von 45 Jahren das persönliche Gespräch vorzieht – gut 70 Prozent dieser Altergruppe geben es als bevorzugte Form der Kommunikation an. Demgegenüber sinkt diese Zahl in der Altergruppe der 14- bis 19-Jährigen auf magere 36 Prozent, denn die Jugendlichen setzen deutlich mehr auf Internetchats, SMS und E-Mails. In der mittleren Alterklasse der 20- bis 29-jährigen Befragten tauscht sich lediglich die Hälfte am liebsten über ein persönliches Gespräch aus. Hier liegen soziale Netzwerke wie Xing, StudiVZ oder Facebook vorn, wenn es darum geht, den Kontakt mit Freunden und Bekannten aufrecht zu erhalten.

Der Anteil der Befragten unter 30 Jahren, die mehrmals täglich Chats nutzen, stieg dann auch, wenig überraschend, binnen eines Jahres von 63 auf 71 Prozent, die Kontaktpflege per Handy erhöhte sich 2008 von bereits starken 57 auf 64 Prozent. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung waren es für beide Kommunikationswege nur jeweils 39 Prozent.

Die Folge des geänderten Kommunikationsverhaltens aus dem Blickwinkel der Forscher: Die Kommunikation werde flacher, SMS-Nutzer würden in Gesprächen schnell ungeduldig.

„Das ist schlimm. Denn dabei bleibt der Inhalt auf der Strecke“, kommentierte die Allensbach-Leiterin Prof. Dr. Renate Köcher die Ergebnisse.

Und worüber reden bzw. chatten die Menschen nun? Klar, Thema Nr.1, werden Sie sagen. Aber weit gefehlt, der Trend geht zu einer stärkeren Tabuisierung von als privat empfundenen Themen. So sind die Gesprächsthemen Sexualität und Geld inzwischen stärker tabuisiert als noch vor einigen Jahren. Wie festgestellt wurde, sprechen zwei von drei Deutschen selbst mit guten Freunden kaum über Sex, da ihnen die Materie zu privat ist.

Im Vergleich zu 2005 stieg der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe laut der am letzten Donnerstag in Berlin vorgestellten Studie von 61 auf 64 Prozent. Über die Themen Einkommen und Vermögen schweigen 61 Prozent, auch hier eine Zunahme von vier Prozent. Am liebsten reden die über 45-jährigen über das Wetter oder aktuell über Barack Obama und die Wirtschaftskrise. Sex, Eheprobleme oder die eigene finanzielle Situation sind dagegen für viele auf der „schwarzen Liste“ der Gesprächsthemen.

Die Tabuisierung werde restriktiver, auf eine Entspannung deute nichts hin, konstatierte die Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher. Jugendliche redeten heute vor allem über persönliche Befindlichkeiten, ergänzt Köcher.

Positives gibt es aber auch zu vermelden: Entgegen den allgemeinen Klischees sind die Deutschen nämlich kontaktfreudig. Der Erhebung zufolge führen 63 Prozent mehrmals pro Woche intensive Gespräche und ganze 55 Prozent sagen von sich selbst, leicht mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Allerdings verfügen 53 Prozent über nur wenige Menschen, mit denen sie sich richtig gut unterhalten können. Für die Studie wurden 1843 Menschen ab 14 Jahren im August 2008 befragt.

Quelle: http://bigtrends.blog.de/2009/02/27/studie-jugendliche-kommunizieren-staerker-moderne-medien-persoenlichen-gespraech-5657865/

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Seltsame Beständigkeit

Donnerstag, 26. Februar 2009

Im Allgemeinen sagt man ja, dass Beständigkeit etwas ist, das man wertschätzen kann, das positiv und stabilisierend wirkt. Bei so mancher Form der Beständigkeit bin ich mir da allerdings nicht so sicher, wenn ich ehrlich bin.

Der eine oder andere von Ihnen wird sich noch an die enorm erfolgreiche deutsche Fernsehserie „Schwarzwaldklinik“ erinnern, die in den späten Achtzigern für Deutschland zu so etwas wie der Mutter aller Arztserien wurde. Schon damals gab es so manchen Zeitgenossen, der unbedingt von Professor Brinkmann behandelt werden wollte.

Etwas später, in den Neunzigern, beglückten die Stereotypen der nicht minder erfolgreichen ersten Seifenoper „Lindenstraße“ die Zuschauer. Auch hier fand sich der eine oder andere Vollpfosten, der dem „Dr. Dressler“ einen Parkplatz für seinen Rollstuhl anbieten wollte.

Und heute nun erfahre ich aus einer Meldung, dass es tatsächlich so etwas wie eine Beständigkeit gibt. Auch nach Jahrzehnten Medienerfahrung sterben die Dummen nicht aus, nein, sie perpetuieren sich, tragen den Glauben, dass Arztserien abgefilmte Realität sind, tief in sich und erwarten heute, im Jahr 2009 ebenso wie anno 1985, dass die Visiten in einem echten Krankenhaus bitteschön ebenso ablaufen sollen wie im Glotzophon.

Und weil es im Fernsehen auch immer so schön dramatisch und blutig zugeht, haben diese an der Peinlichkeitsgrenze angesiedelten Menschen natürlich zu allem Überfluss auch noch weit mehr Angst vor Operationen. Entsprechend sind die solcherart medial vorbereiteten Patienten nicht unbedingt durch einen tatsächlichen Behandlungserfolg zu beeinflussen, „(…) da Ergebnisqualität und Zufriedenheit der Patienten nicht proportional verlaufen. Optimal und erfolgreich behandelte Patienten können dennoch unzufrieden sein, Patienten mit Komplikationen können mit der Behandlung hingegen auch hochzufrieden sein.“

Das erfuhr der Chirurg und Kommunikationswissenschaftler Dr. Kai Witzel, der diesen Zusammenhang u.a. in seiner Doktorarbeit „Wem helfen die Fernsehärzte?“ untersucht hat. Zu Recht vermutet Dr. Witzel eine Verwischung der Grenzen zwischen Krankenhauswirklichkeit und medialer Realität:

„Der durchschnittliche Deutsche verbringt etwa die Hälfte seiner Freizeit vor dem Fernseher (Noelle-Neumann und Köcher 2002). Bei einem so hohen Fernsehkonsum ist die Gefahr groß, dass die über die Medien erfahrene Darstellung der Wirklichkeit einen großen Raum im alltäglichen Leben einnehmen kann. Diese mediale Realität nimmt bei Vielsehern einen immer größeren Anteil im Leben ein, ihre Primärerfahrung durch das wirkliche Leben wird also zunehmend durch mediale Erfahrungen ersetzt. Die Welt der fiktionalen Unterhaltungssendungen versetzt die Zuschauer in einen Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit. Kottlorz (1993) beschreibt dies als einen Zustand, der Tagträumen sehr ähnlich ist, und in dem Phantasie und Wirklichkeit miteinander vermischt werden. (…) Es ist daher davon auszugehen, dass kaum ein Patient sich der medialen Erfahrung verschließen kann, und dass einen nicht zu unterschätzenden Anteil hieran die zahlreichen Arzt- und Krankenhausserien haben.“

Anhand eines standardisierten Fragebogens wurden 162 Patienten, die in stationärer Behandlung waren, vor der stationären Aufnahme und kurz vor ihrer Entlassung interviewt. Signifikant zeigte sich, dass die Unzufriedenheit mit der Visite bei hohem Fernsehkonsum und Kenntnis und Konsum vieler Arztserien steigt. Gleichzeitig ist ein hoher Fernsehkonsum signifikant mit einer hohen Zufriedenheit mit dem Klinikessen verbunden.

Soweit meine kleine Betrachtung zur Beständigkeit. Nun muss ich aber los, ich habe noch einen Termin bei Dr. House im Emergency Room im Krankenhaus am Rande der Stadt.

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Wenn dä Pappnas sörft

Dienstag, 24. Februar 2009

Es ist mal wieder Karnevalszeit und damit ein guter Grund, über Pappnasen zu schreiben, die in der heutigen Zeit gern auch mal aus ganz anderen Materialien sein dürfen.

Zu diesem Behufe haben wir schon vor einigen Tagen ein hübsches kleines Puppentheater aufgebaut, komplett, mit allem, was man da so braucht – da haben wir den gemeinen Gauner, eine üble Figur, die aber zum Glück immer nur vom Bühnenrand aus agiert, wir haben den Polizisten, der heute auch mal als Verbraucherschützer und Anwalt daherkommt, jede Menge Requisiten, wie etwa PC und Webseiten und natürlich unsere Hauptfigur, die in keiner solchen Aufführung fehlen darf – den August.

Fassen wir die Handlung kurz zusammen: Der Gauner versucht seit Jahren, von August und seinen Freunden Geld zu kassieren, indem er Webseiten anbietet, deren Nutzung etwas kostet. Das sagt der Gauner aber nicht, sondern schreibt das nur ganz versteckt. Dann, wenn August darauf hereingefallen ist, werden ihm eine Rechnung und viele, viele Mahnungen geschickt. Denn der Gauner tut so, als wäre er im Recht und möchte August ins Bockshorn jagen. Manchmal klappt das auch und davon lebt er ganz prima und kann sich jede Menge blondierte Puppen und Sportwagen leisten.

Der Polizist erklärt August schon mindestens ebenso lang, wie man die bösen Webseiten vom Gauner erkennt und gibt ihm Tipps, wie er sich verhalten soll, wenn es ihm doch passiert ist. Das hat der Polizist sogar aufgeschrieben und überall bekanntgemacht.

Doch August gibt brav und ohne Arg wo er geht und steht seine Adresse an, verrät seine E-Mail und gibt jedem, der fragt, seine Kontonummer.

Aus dem Publikum werden erste Zwischenrufe laut: “Man begibt sich auch nicht in den Straßenverkehr, ohne die nötigsten Schilder zu kennen. Wenn ich meinen Wagen ordnungsgemäß parke, und bei meiner Rückkehr steht da ein Typ im Jogginganzug und sagt: “Ey, da is Parkverbot - gib mir mal 50 Euro!”, dann lache ich den aus, oder rufe die Polizei.“

Macht aber nichts, denn immer wieder fallen August oder einer seiner Freunde auf den Gauner herein – obwohl er eigentlich ganz leicht zu durchschauen ist und seine Webseiten immer gleich funktionieren – und bezahlen dann. Nicht umsonst heißt diese Figur ja auch dummer August denn Bezahlen ist natürlich das Dümmste, was August in einem solchen Fall tun kann. August schadet damit nämlich nicht nur sich, sondern zeigt dem Gauner auch, dass seine Masche klappt.

Wenn der August aber reingefallen ist, dann macht er etwas wirklich  Ungewöhnliches. Er sagt nämlich nicht „Oh, ich war wohl zu unaufmerksam – mein Fehler.“. Nein, der August regt sich auf, am liebsten öffentlich. Das macht er übrigens auch, wenn er noch gar nicht reingefallen ist. Dann kommt der August nämlich auf eine spannende Methode, um von sich abzulenken: Er schaut den Polizisten böse an und fragt, wann er denn gedenke, ihn endlich zu beschützen und etwas gegen den Gauner zu unternehmen? „Wann tut der Rechtsstaat endlich etwas?“, so nennt das der August.

Der Polizist zeigt dem August dann gern die lange Liste mit den vielen Regeln, die er schon längst aufgeschrieben hat – diese Dinger, die er Gesetze genannt hat. Aber August lässt nicht locker – er ruft nach Exempeln, die statuiert werden sollen, möchte dem Gauner die Holznase absägen, den Haltefaden durchtrennen oder ihn doch mindestens für die Ewigkeit in einen Lagerraum sperren. Und das alles nur, weil er selbst nicht genau hingeschaut hat ….

Hier ist das Stück dann meist beendet und aus dem Bühnenhimmel ertönt eine Stimme, die da sagt: „Ein Rechtsstaat ist ein Staat, in dem die Staatsgewalten an eine in ihren Grundzügen unabänderliche und im Ganzen auf Dauer angelegte objektive Wert- und Rechtsordnung gebunden ist. Die Gesetzesbindung der Verwaltung wird durch unabhängige Gerichte gesichert.

Im Gegensatz zum absolutistischen Staat wird die Macht des Staates umfassend durch Gesetze determiniert, um die Bürger vor Willkür zu schützen.“ *

„Wer diese Geschichte nicht glaubt oder mehr wissen möchte“, so die Stimme weiter, „der liest bitte hier nach.“

Und August? Obwohl wir das Gegenteil hoffen, wird er wohl so weitermachen, wie bisher …

 

* Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsstaat

 

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Ist das jetzt witzig oder geschmacklos?

Mittwoch, 18. Februar 2009

Immer wieder einmal stoße ich auf Nachrichten, bei denen ich nicht recht weiß, ob ich einfach nur irgendwie zwischen ungläubig und konsterniert staunen soll oder mich nicht sogar fragen sollte, warum ich diese Idee nicht gehabt habe. Im Moment geht mir das so bei einer recht endgültigen Internet-Idee, den persönlichen Botschaften aus dem Jenseits.

Der Internetdienst finalpopup.com wirbt damit, dass man dort persönliche Botschaften für „danach“ aufgeben kann – der Dienst soll faktisch als eine Art Sprachrohr aus dem Jenseits fungieren.

Die am Computer verfassten Mitteilungen werden mit verschiedenen Kommunikationsmedien den Empfängern zugestellt, wenn der Verfasser sein irdisches Dasein beendet hat.

Diese makaber-blödsinnige Idee soll, nach den Worten des Anbieters, durchaus sinnvoll sein – für wen genau, das wird sich noch zeigen müssen. Immerhin, so mag man kalauern dürfen, wird es wohl ein Unternehmen sein, bei dem sich kaum ein Kunde bei nicht oder schlecht erbrachter Leistung beschwert.

Und selbst wenn man einmal die Unwägbarkeiten der Unternehmenssituation und der Kommunikationskanäle mit der ganzen Palette von Insolvenz bis geänderte Rufnummern und E-Mail-Adressen außer Acht lässt, mag es für so manchen Angehörigen ein zweifelhaftes Vergnügen sein, wenn der Verstorbene, wie der Anbieter auflistet, seine Liebsten ein letztes Mal grüsst, jemandem zu einem wiederkehrenden Anlass gratuliert, sich etwas von der Seele redet oder beichtet, sich nochmals effektvoll in Erinnerung ruft und dergleichen mehr.

Momentan umfasst die Medienpalette von finalpopup.com SMS, E-Mails, Videobotschaften und einen Homepage-Generator, mit welchem auch Laien ihre eigene Homepage gestalten können sollen. Die Nutzer des Dienstes können sowohl ihre Beiträge wie Empfängeradressen zu jeder Zeit von überall auf der Welt ändern, ergänzen oder löschen.

Um zu gewährleisten, dass die Mitteilungen verlässlich erst nach dem Ableben des Verfassers versandt werden, wurde für finalpopup.com eine sichere Methode mit mehreren Optionen ausgetüftelt, betont der Anbieter, ohne näher ins Detail zu gehen. Auch sonst will der Dienst „äußerst hohe“ Sicherheitsstandards erfüllen, um die sensiblen Daten der Nutzer zu schützen:

„Botschaften und Daten werden bei fipup auf höchstem Sicherheitsniveau verschlüsselt übertragen, in gesicherter Serverumgebung verwaltet und gemäß den schweizerischen Datenschutzbestimmungen gehandhabt.“ Mehr als diese recht schwammige Aussage lässt sich der Webseite nicht entlocken.

Verdienen wird der Dienst mit seinen Kunden nicht schlecht – wird doch laut AGB bei der Registrierung des Nutzers eine „einmalige“ Registrierungsgebühr in Höhe von rund 30 Euro fällig. Warum die in ironisierende Anführungszeichen gesetzt wurde, mag der Kunde dann selbst und zu Lebzeiten herausfinden. Danach werden die gewählten Dienste jährlich in einer Art Abo ab 4,45 Euro für das Basispaket bezahlt. Damit leuchtet dann auch ein, warum der Anbieter darauf drängt, so früh wie möglich die letzten Worte bei ihm zu buchen.

Wenn ich ehrlich bin, wird mir irgendwie übel bei dieser Idee. Nun ja, wer so etwas braucht … 

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Mobbing hat 10- jähriges Jubiläum

Donnerstag, 15. Januar 2009

Zehn Jahre sind ein langer Zeitraum und im Internet nahezu eine Ewigkeit. Im Februar 1999 ging die Webseite „Mobbing-Web“ als Informationsprojekt und private Online-Bürgerinitiative ins Web.

Mobbing-web informiert Besucher und Besucherinnen rund um die Themen Mobbing, Stalking, Bullying, Diskriminierung und andere aktuelle Themen. Außerdem engagiert man sich dort für mehr Fairness und pflegt Kontakte zu allen gesellschaftlichen Gruppen im Sinne von „ Pro Fairness“.

Die Schwerpunkte von mobbing-web.de sind die Themen Mobbing und Bossing in der Arbeitswelt. Man möchte den Betroffenen helfen und Öffentlichkeit und Medien auf das Problem Mobbing aufmerksam machen. Die Website bietet aktuelle Informationen und aktuelle Anschriften der wichtigsten Anlaufstellen, hilfreiche Links und umfangreiche Informationen zur Selbsthilfe, aber auch Experten.

Mobbing-web kooperiert mit einer Reihe Expertinnen und Experten auf dem Gebiet Konfliktlösungen und Mobbing (Rechtsanwälte, Kliniken, Coaches, Konflikttraining, etc.).

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Wieviel Unwissenheit darf man sich erlauben?

Donnerstag, 15. Januar 2009

Lassen Sie uns einmal einen Ausflug in die Werbewelt machen und überlegen, wie wohl eine Kampagne für ein bundesweit zu platzierendes Produkt aussehen könnte, das recht unspektakulär ist und von fast Jedermann gekauft wird. So ein richtiges Alltags-Verbrauchsprodukt eben…

Wir befinden uns in der Werbeagentur und soeben hat der wichtige Kunde, das große Vertriebsunternehmen, den Auftrag erteilt, eine Kampagne zu gestalten, mit der man einen neue Vertriebsweg eröffnen will.

Da braucht man natürlich einen flotten Spruch und diese Aufgabe fällt in direkter Linie vom Agenturchef über die Etatdirektoren und Teamleiter herunter bis zur Riege der Juniorberater.

Kurze Zeit später hat ein Junior-Texter, ein pfiffiger junger Mensch um die 20 und richtig gut in seinem Job, eine tolle Idee – einen Spruch, den er irgendwo schon mal gehört hat, vielleicht auf MTV oder Viva oder in einer der Daily Soaps, die er so liebt (Übrigens kann hier er auch problemlos durch sie ersetzt werden, die Geschichte ist nämlich geschlechtsneutral). Er weiß es nicht mehr, aber den Spruch, den hat er behalten. Der war so schön markig und voll krass eingängig und jetzt musste er ihn nur noch ganz leicht für den Kunden ändern: „Jedem das Seine“.

Unser pfiffiger junger Texter geht mit dem solcherart geborenen “Jedem den Seinen” zu seinem Teamleiter. Der Teamleiter, das ist ein erfahrener Texter, so Mitte 20, und richtig gut in seinem Job. Er findet den Spruch auch prima – wenn er nur wüsste, wo er den schon mal gehört hat. Vielleicht in der Werbung? Aber egal, klingt ja voll krass knallig und passt super auf die Plakate.

Der Teamleiter klopft beim Etatdirektor an und verkündet die frohe Botschaft. Der Etatdirektor, das ist ein pfiffiger, erfahrener Berater, so um die 30 und richtig gut in seinem Job. Er liebt diesen eingängigen Slogan und sieht schon die Auszeichnung vom Art Directors Club vor sich. Ein echt toller Spruch, der passt so richtig auf alles. Gehört hat er ihn noch nicht, das wüsste er, wenn die Konkurrenz so was verwendet hätte. Er setzt sich hin und baut den Spruch – der ist wirklich so was von knallig – in eine Präsentation ein.

Der Agenturchef, ein erfahrener Mann, so um die 40 und richtig gut in seinem Job, hat schon jede Menge Agenturen und Kunden gesehen. Er ist begeistert – der Kunde wird den neuen Werbespruch lieben. Der Satz scheint auch rechtlich kein Problem zu sein – er hat ihn jedenfalls weder in „Capital“ noch „Impulse“ gelesen.

Bei der Präsentation vor dem Kunden sind der Marketingleiter und der Vertriebsleiter, beides fähige Männer zwischen 30 und 40 und richtig gut in ihrem Job, glücklich – endlich ein Spruch, der sich wirklich überall unterbringen lässt und von jedem verstanden werden kann. Gehört haben sie den Satz noch nie – ihre Geschäftspartner haben ihn jedenfalls noch nie benutzt. Mit Freuden nicken Sie daher das Konzept ab und besuchen Ihren Handelspartner, wo die neuen Plakate hängen sollen.

Der Marketingchef des Handelspartners, ebenfall um die 40 und richtig gut in seinem Job, ist begeistert – dieser Satz ist ja fast so schön wie damals der „Tiger im Tank“. Auch er hat den Satz noch nie gehört –die Konzerne, mit denen er zu tun hat, haben ihn noch nie benutzt, soweit er weiß. Damit ist er glücklich.

Als die Werbung schließlich die 700 Filialen des Handelspartners bevölkert, ruft eine Zeitung beim Kunden unserer Werbeagentur an: Warum man denn wohl einen Satz, der über dem Eingang des Konzentrationslagers Buchenwald gestanden habe, für die Werbung einsetzt?

Wenn sie jetzt glauben, dass so was ja wohl nicht passieren kann, da ja alle Beteiligten doch in ausreichendem Maße Schulbildung genossen hätten und bestimmte historische Merkpunkte schlicht zum Allgemeinwissen gehören, dann muss ich Sie enttäuschen. Zwar weiß ich nicht, ob die Geschichte so abgelaufen ist, wie ich sie oben fabuliert habe, doch fest steht, dass der Kaffeeröster Tchibo diesen furchtbar missbrauchten Satz für eine Werbeaktion in rund 700 Esso-Tankstellen genutzt hat.

Fest steht auch, dass weder ein Mitarbeiter der Agentur, alles Menschen mit Hochschulabschluss und vermutlich auch Studium, noch die Verantwortlichen bei Tchibo, vermutlich ebenfalls mit Hochschulabschluss und Studium versehen, noch die Verantwortlichen bei Esso auch nur den Anflug eines Zweifels hatten, als sie diesen Satz für ihre Werbung eingesetzt haben.

Um so peinlicher ist es daher, wenn jetzt Esso versucht, den schwarzen Peter ausschließlich der Agentur aufzudrücken, wie die Rheinische Post berichtet: „Esso-Sprecher Olaf Martin sagte, die beauftragte Werbeagentur habe die historische Bedeutung des Satzes offenbar nicht erkannt.“

Es ist in höchstem Maße befremdlich, dass nicht einer der Verantwortlichen gemerkt haben soll, was man dort anrichtet. Oder wollte man gar einen Eklat der ganz peinlichen Sorte, um in die Medien zu kommen? Nein, es ist viel eher zu befürchten, dass sich hier ein Bildungsnotstand übelster Sorte offenbart. Man sollte doch annehmen, dass Menschen, die mit Marketing, also auch mit Kommunikation zu tun haben, ein ganz kleinwenig mehr über den Tellerrand ihrer Kaffee- und Benzinwelt schauen.

Man komme jetzt auch nicht mit dem Argument, der Satz stamme ursprünglich von Cato dem Älteren. Er ist einfach zu sehr missbraucht worden, als dass er heute unbefangen genutzt werden könne. So etwas muss jedem, der mit öffentlichen Auftritten befasst ist, absolut klar sein. Dass man erst durch die Nachfrage der „Frankfurter Rundschau“ darauf gekommen ist, deutet darauf hin, wie es um die Kenntnisse und Fähigkeiten dieser Managerriege bestellt ist.

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, wird in der FR mit den Worten zitiert, „das Plakat sei entweder eine “nicht zu überbietende Geschmacklosigkeit” oder ein Beispiel “totaler Geschichtsunkenntnis”. Solange es noch einen einzigen Menschen gebe, der bei der Redewendung an Buchenwald denke, sei es unmöglich, sie zu verwenden. Dass es dennoch immer wieder geschehe, sei zu einem “erheblichen Anteil” im unzureichenden Geschichtsunterricht an Schulen zu suchen. Er begrüßte, dass die Plakate entfernt werden sollen.“

So richtig peinlich wird die Sache aber auch, wenn man sie unter handwerklichen Gesichtspunkten betrachtet. Denn selbst, wenn alle Beteiligten bar jeder Geschichtskenntnis sein sollten und selbst der unvermeidliche Guido Knopp bisher an ihnen vorbeigelaufen sein sollte, so hätte man sich doch daran erinnern können, dass bereits zuvor Werbetreibende mit derartigen „Ausreißern“ auf den Bauch gefallen sind, wie die FR berichtet:

„Tchibo und Esso sind nicht die ersten, die aus historischer Unkenntnis den Satz “Jedem das Seine” für PR-Zwecke verwenden. 1998 bewarb Nokia austauschbare Handy-Gehäuse. Die Plakate wurden mit dem Shakespeare-Titel “Was ihr wollt” überklebt, nachdem unter anderem das American Jewish Commitee dagegen protestiert hatte. Kurze Zeit später konnte der Handelskonzern Rewe ein Prospekt nicht mehr stoppen, in dem es hieß: “Grillen: Jedem das Seine”. Rewe entschuldigte sich öffentlich.

1999 stoppte Burger King in Erfurt nach Protesten eine Handzettel-Aktion mit dem Slogan. 2001 waren Kunden entsetzt über eine Werbekampagne für Kontoführungsmodelle der Münchner Merkur-Bank.“

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