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Retro im Hirn

26. Juni 2009

Im Moment liegt Retro voll im Trend – man greift wieder zu (nur dezent modernisierten) alten Designs, alter Mode und dergleichen. Fast glaubt man, einen Hauch Wehmut zu vernehmen, den Wunsch nach der guten alten Zeit, die meist so gut gar nicht war.

Dieser modische Blick zurück ist auch nicht schlecht, er kann sogar Spaß machen. Ich kann beispielsweise eine Vorliebe für Musik aus den 60er Jahren nicht verhehlen und finde die moderne Rockabilly-Bewegung mit ihrem 50er-Look sehr angenehm.

Was mir aber Kummer macht, ist, dass der Retro-Trend auch bei vielen Menschen im Denken angekommen zu sein scheint. Das nicht nur in der großen Politik, wo man fast schon hemmungslos über Sperrmöglichkeiten des Internet nachdachte und Online-Durchsuchungen für das normale Vorgehen eines demokratischen Staates hält und auch nicht nur im Ausland, dem Unternehmen hierzulande gern schon mal mit modernster Spitzeltechnologie unter die Arme greifen. So soll etwa, Meldungen zufolge, „Nokia Siemens Networks“ dem Iran eines der weltweit ausgeklügelsten Systeme zur Kontrolle und Zensur des Internets geliefert haben.

Nein, die geistige Retrowelle hat längst die Geschäftsführungen vieler deutschen Unternehmen erwischt: sie kaufen begeistert Software, die für kleines Geld Leistungen wie diese anpreisen:

„Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser. Mit unserer Überwachungssoftware können Sie unbemerkt aufzeichnen, was Ihre Kinder, Gatte oder Angestellte auf Ihrem PC machen.“

Dass man ausgerechnet in Deutschland wieder begeistert in den Fundus des Überwachungsstaates greift, ist geradezu unglaublich. Passend zu dieser Retro-Haltung im Hirn lehnt sich dann auch eines der meistverkauften Produkte in diesem Bereich mit unverhohlenem Zynismus an den Namen des 1984-Autors George Orwell an.

Diese Software kann unbemerkt alles aufzeichnen, was am PC geschieht – vom Tastendruck bis zur E-Mail kann alles protokolliert werden und landet mit geringer Zeitverzögerung auf dem Monitor des Überwachers. Und diese Software kann noch mehr: Sie kann sämtliche PC-Aktivitäten eines Arbeitstages aufzeichnen und im Zeitraffer wiedergeben – eine perfekte Möglichkeit, die Arbeitsleistung zu beobachten. Die Überwachungsmöglichkeiten sind vielfältig:

  • Regelmäßiges Fotografieren des Windows-Bildschirms
  • Protokollierung aller gestarteten Programme und ihrer Nutzungsdauer
  • Zeitauswertung und Statistiken der PC-Nutzung
  • Speichern der Adressen aller besuchten Web-Seiten
  • Aufnahme aller Tastenanschläge
  • Aufzeichnen der E-Mails und der Chat-Unterhaltungen
  • Aufzeichnen aller Druckaufträge
  • Festhalten aller Anschlüsse eines USB-Sticks oder ZIP-Drives
  • Speichern aller Eingaben in einer Suchmaschine
  • Protokollierung aller Dateiänderungen

So eine Abhörsoftware kostet heute weniger als ein normales Office-Paket – für unter 100 Euro kann der Chef schon spitzeln, was das Zeug hält. Warum auch Datenschutz und Mitarbeiterrechte, wenn doch Lidl, die Bahn und die Telekom vorgemacht haben, dass man sich den Tag blendend damit vertreiben kann, das Misstrauen gegen die eigenen Angestellten (Mitarbeiter wäre hier schon im Wortsinne falsch) zu schüren.

Die Zahl der Spitzelprogramme nimmt dabei immer weiter zu. Schon 2007 war die Rede von zweistelligen Zuwachsraten, der Sprecher eines Softwareunternehmens sprach von 100.000 installierten Versionen seiner Software. Wenn Sie das einmal hochrechnen, kommen Sie auf ein horrendes Potential an mehr oder minder legaler Überwachung am Arbeitsplatz.

Leider kann man kaum annehmen, dass die zahlreichen Käufer dieser Spitzelprogramme die Software immer rechtskonform einsetzen. So sagt ein Hersteller selbst:

“Ein Überwachungsprogramm wie Orvell Monitoring 2009 darf in der Firma nur dann eingesetzt werden, wenn alle Mitarbeiter Kenntnis von der Überwachung haben. (…) Die Software Orvell Monitoring 2009 verfügt über Überwachungsfunktionen (insbesondere “Aufnahme der Tastenanschläge” und “Bildschirmaufnahme”), die der Genehmigung der zu überwachenden Personen bedürfen. Die Anwender, die das Programm verwenden, machen sich bei Nichtbeachtung im Sinne von §201, §202 StGB strafbar.”

Doch ob sich alle Käufer an diese Verpflichtungen halten, mag bezweifelt werden. Es wird also eine entsprechend hohe Dunkelziffer praktizierten Misstrauens in deutschen Unternehmen geben, denn die Begehrlichkeiten sind groß.

„Zwischen großen Unternehmen gibt es nach Vermutung des Bundesdatenschutzbeauftragten einen regen Austausch unter den Sicherheitsabteilungen“, berichtet der WDR und zitiert den Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar mit den Worten: “Mitarbeiter zu überwachen, ist eine sehr weit verbreitete Praxis”.

Ob diese mentale Retro-Haltung letztendlich dem Arbeitsklima oder gar der Arbeitsleistung dienlich ist?

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5 Antworten zu “Retro im Hirn”

  1. Buck McQue sagt:

    Moin!
    Das Promblem ist m. E. die Grundhaltung der Geschäftsleitung. Da sind keine ehrlichen Kaufleute mehr in der Geschäftsführung, für die ein gutes Geschäft für beide Seiten Vorteile haben muß. Es geht heute darum, den Anderen über den Tisch zu ziehen und möglichst viel aus einem Geschäft heraus zu holen. Wer da nicht mitmacht, gerät leicht in Hintertreffen.
    Diese Grundhaltung betrachten sie als normal und setzen sie auch bei ihren Mitarbeitern voraus. Als ich in einer Personalabteilung gearbeitet habe, hat der UNternehmer in die Kosten gleich 10 % mit einberechnet, um die ihn seine Mitarbeiter eh betrügen. Ein leitender Mitarbeiter eines Konzerns, dessen Chef in der Mielke-Villa wohnt, hat mir mal gesagt, die 20.000 DM mögen mir zwar zustehen, aber ich bekommen sie nicht. Von mir erwartet man in Zukunft keine Vorteile. Ich könne die Firma ja verklagen.
    Zu viele Führungskräfte machen sich nicht Gedanken darum, etwas Verbotenes zu tun, sondern nur darum, nicht erwischt zu werden. Also bauen sie jemand anderen als Sündenbock auf und haben selber nieee davon gehört.
    herzlichen Gruß
    Buck McQue

  2. Marco Mailand sagt:

    Das es rein technisch genügend Möglichkeiten gibt alle Ein- und Ausgaben sowie Dateiinhalte auf einem Computer per Netzwerk mitzuschneiden ist wahrscheinlich jedem relativ klar. Aber wer hat sich die daraus folgenden Konsequenzen schon einmal vollständig überlegt?
    Da wären z.B. alle Passworteingaben. Täglich geben wir mehrere Male irgendwelche Passwörter ein. Da die Schnüffelprogramme à la Orvell alles mitschneiden können muss ein Schnüffler nur die “Geschichte” kurz vor der Passworteingabe analysieren und findet ohne grosse Mühe die Website heraus auf der wir uns eingeloggt haben. Das bedeutet, dass wirklich alles für alle Welt offen ist. Die Schnüffler können in alle e-mail Accounts, alle verschlüsselten Archive usw. eindringen und haben prinzipiell auf alles Zugriff, von dem wir meinen, dass es gut verschlossen wäre. Sogar das e-Banking ist in einigen Versionen unsicher. Wer eine Streichliste von seiner Bank bekommt und diese z.B. kopiert und die Kopie für schnellen Zugriff im Büro deponiert hat im Prinzip dem Schnüffler den vollkommen freien Zugang zu seinen Konten gewährt. Der Schnüffler muss jedoch die kriminelle Energie besitzen und den Inhalt Streichkarte besorgen, d.h. z.B. ins Büro eindringen.
    In diesem Zusammenhang frage ich mich ob bereits Microsoft in allen Windows-Betriebssystemen ein entsprechendes Hintertürchen eingebaut hat und ob es möglich ist, dass soetwas auch den allerbesten Hackern verborgen bleiben kann. Meines Erachtens ist es extrem naheliegend, dass ein international tätiger Monopol-Konzern wie Microsoft ganz sicher von diversen Heimatschutzorganisationen der USA kontaktiert und möglicherweise auch in die Pflicht genommen worden ist. Corporate Governance kam von overseas zu uns aber wie es im Mutterland umgesetzt wird weiss hierzulande niemand. Wie konnte es z.B. dazu kommen, dass die schlampige Arbeitsweise von Immobilienhändlern und Investmentbankern in den USA solange unbemerkt und ungeahndet blieb, obwohl im Nachhinein etliche Insider behaupten den faulen Braten gerochen zu haben?! Wo war in all diesen Fällen die Corporate Gouverance oder die Durchsetzung des Sorbey-Oxley-Acts? M.E. hat Microsoft das Hintertürchen eingebaut, so wie es möglicherweise im als sicher gepriesenen MacOSX eingebaut sein könnte. Wieso sollte Apple vom Heimatschutz verschont bleiben?
    Bei LINUX gibt es die gleichen Fragen zu klären: Wurden die Entwickler evtl. direkt von CIA, FBI und Konsorten gesponsort und gibt es genügend Fachleute, die wirklich die heissen Sourcecode-Stellen von LINUX kennen und deren Sauberkeit zuverlässig überprüfen können und ob sowas schon gemacht worden ist.
    Am sichersten ist man auf einem Rechner wenn man ihn nie mit dem Internet verbindet.

  3. Bernd Irrgang sagt:

    Als direkt nach dem Krieg Geborener, lernte ich die “Segnungen” der neuen Demokratie kennen, die bedeuten: So viel Staat wie unbedingt nötig und so viel eigenverantwortliche Freiheit wie möglich. Nach aufrührerischer Jugend in den “68ern” begriff ich das System und schaffte es, ein vollwertiges Mitglied dieser demokratischen Gesellschaft zu werden. Als ich das erste Mal von den positiven Möglichkeiten des Internet hörte, aber gleichzeitig belehrt wurde, dass dies “keiner macht oder beaufsichtigt”, wurde mir sofort klar, hier bekommen jetzt politische und religiöse Extremisten ihr langersehntes Medium, gepaart mit Terroristen, Päderasten und weiteren Kriminellen - und genau das passiert. Dass nun geistig Minderbemittelte aller Öffentlichkeit mitteilen müssen, dass sie gerade ein geistloser Furz verließ, mag dabei noch verschmerzbar sein, aber für Jeden zugängliche Anleitungen zum Töten, Betrügen und Demütigen, empfinde ich als menschenverachtend und demokratiefeindlich. Um einer weiteren Verohung der Gesellschaft vorzubeugen, bejahe ich zuerst eineStrafverfolgung der “Ins-Netz-Steller” und als 2. sicherlich nötigen Schritt, die Sperrung solcher Seiten zumindest in Deutschland, denn das hat Nichts mehr mit Informationsfreiheit zu tuen, denn es ist einfach strafbar. Schade, dass doch Viele die erwünschte Informations- und Meinungsfreiheit im Netz damit ad absurdum führen.

  4. kieslich sagt:

    @Bernd Irrgang

    Lieber Herr Irrgang, gerade das, was Sie da sagen, halte ich an einige Stellen für den Trugschluß der Zensur. Zum einen sind strafbare Inhalte nie nicht strafbar gewesen, zum anderen bedeutet eine Sperrung nicht, dass die Inhalte verschwinden. Sie sind noch nicht einmal schwerer zugänglich - nur nett hinter einem Vorhang versteckt. Eine zentrale Zensurbehörde, die parlamentarisch unkontrolliert Seiten “indizieren” kann, halte ich für den denkbar dümmsten und zugleich gefährlichsten Weg. Da wir aber hier von deutlich anderen Dingen sprechen, nämlich von unkontrollierter Überwachung in Unternehmen, kann ich Ihr Argument überhaupt nicht nachvollziehen - es sei denn, Sie unterstellen jedem Arbeitnehmer pauschal - so wie es Zensursula in Sachen Kinderpornographie tut - kriminelle Absichten. Die Verrohung der Gesellschaft - nun, für den einen mag Sie bei fremden Hautfarben oder Religionen anfangen, beim anderen bei ihm fremden Meinungen. Als Argument für kriminelles Spitzeln kann sie nicht dienen.

  5. Buck McQue sagt:

    Moin!

    Es gibt strafbare Inhalte. Die kann man mit den vorhandenen Gesetzen verfolgen. Das ist zwar aufwändig, aber es entspricht unserer rechtsstaatlichen Grundordnung.
    Alle anderen Wege sind einfach nicht rechtsstaatlich. Einen Inhalt zu sperren, ohne richterlichen Beschluß ist nicht hinnehmbar, so sehr der Inhalt auch ärgert. Besser als der Aufbau einer Zensur-Behörde wäre es, die Staatsanwaltschaften und Gerichte zu verstärken.
    Es gibt ausreichende rechtsstaatliche Möglichkeiten, strafbare Inhalte zu verfolgen, die Homepages abzuschalten oder außländische Seiten zu sperren. Aber nicht die Polizei, sondern nur ein Gericht darf das veranlassen.

    Viele Seiten, die verärgern, sind nicht strafbar und im Sinne der Meinungsfreiheit zu tollerieren. Es ist doch eine Grundlage unserer Demokratie, das auch eine Meinung geäußert werden darf, die den meisten Ansichten widerspricht. Wichtiger, als diese Meinungen zu verbieten ist es, über sie zu sprechen, wie es in Foren wie diesem gemacht wird. Zwingende Folge des Verbotes z.B. von Ana-Seiten wäre es doch auch, Dikussionen darüber zu verbieten, wenn sie einen Verweis auf eine solche Seite enthalten. Da man aber nicht diskutieren kann, ohne zu sagen, worüber man redet - es sei denn man ist Politiker - wäre so auch die Diskussion über bestimmte Themen nicht mehr möglich. In der Konsequenz müßte also auch dieser Blog hier gesperrt werden. Das wäre nur logisch.
    Und es sage mir keiner, der schon ein Mal auf 20 Meter an einen Anwalt heran gekommen ist, dies würde nicht passieren!

    herzlichen Gruß
    Buck McQue

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