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Politisch korrekt veräppelt

11. November 2009

Früher, ja früher, so werden sich gerade angesichts der aktuellen Jubiläen so einige Menschen denken, früher, da war alles einfacher. Nun, das war es natürlich mitnichten, aber einiges war schon problemloser. So wusste beispielsweise jeder, dass PC immer nur den Computer meint. Heute gibt es dann auch noch das „pc“ für „political correctness“, für das seit einiger Zeit eingeführte Schlagwort der politischen Korrektheit, die man nach Möglichkeit damit äußert, dass man nichts sagt oder tut, das Mitmenschen beleidigen oder diskriminieren könnte.

Das ist eine gut gemeinte Einrichtung, die wohl auf der Hoffnung fußt, dass der, der über den Ausspruch seiner vernagelten Meinung nachdenken und sie anders formulieren muss, irgendwann am Ende dieser Gedankenkette auch anders denkt. Was im Ansatz sehr schön gedacht ist, kann aber dann, wenn es auf angstgetriebene Bürokraten trifft, leicht zur Farce werden, wie ein aktuelles Beispiel zeigt, das ich in einem Twitter-Beitrag von David Pogue fand.

Da beschreibt der Karikaturist Tom Richmond, wie er einen ganz fantastischen Auftrag erhalten hat. Er sollte für eine Art Abgeordnetenverzeichnis der USA die stattliche Zahl von 540 Kongressabgeordneten karikieren. Diese sollten dann in einer Software die eigentliche Leistung – den Übersichtskatalog mit Kontaktdaten usw. – illustrieren.

Gesagt, getan: Tom zeichnete seit dem Sommer wie wild und bald lagen vor ihm 540 gezeichnete Köpfe, während sein Auftraggeber bereits intensiv an dem passenden Programm arbeitete. Die wurden nun, von der Funktion Wackeldackeln nicht unähnlich, virtuell auf Körper montiert, so dass sie wippen und wackeln können, wenn man sie im iPhone anstößt oder das Telefon schüttelt.

Man zeigte die neue Anwendung herum: Freunde, Verwandte und Kollegen lachten und fanden die Anwendung nützlich.

Nun weiß ich nicht, wie weit Sie mit Apples App Store vertraut sind – das ist der virtuelle Laden, in dem der iPhone-Nutzer seine kleinen Programme, eben die Apps, erhält. Damit ein Programm in diesen App Store aufgenommen werden kann, muss man es Apple zur Prüfung vorlegen. Apple ist da sehr genau, denn man möchte ja ein friedliches, nettes Miteinander. Schmutz, Schund, Gewalt und Rassismus duldet der Konzern nicht – dass gerade vor ein paar Tagen dort „Mein Kampf“ inkl. Hakenkreuzlogo erschienen ist, kann man nur als dumme Panne werten.

Also, wie gesagt, man ist im Hause Apple sehr ordentlich, doch. Und so prüfte man auch die Karikaturen von Tom Richmond und bewahrte uns nach der Inaugenscheinnahme der vorgelegten Auszüge (die Sie hier sehen können) mit einer deutlichen und angewiderten Ablehnung so vor einem furchtbaren Erlebnis: dem Anblick von, so nennt es Apple, „obszönen, pornographischen oder diffamierenden“ Abbildungen eines gewählten Abgeordneten – und wir wissen ja, wie sensibel Abgeordnete sind und dass sie so etwas kaum aushalten.

Da muss man als Bürger schon einmal für das eigene Seelenheil Verzicht üben und auf eine nicht nur spaßige, sondern in erster Linie auch nützliche Anwendung verzichten. Solch einen Wahnsinn kann nämlich wirklich kein Politiker, kein iPhone-Nutzer und keine Demokratie aushalten – denn eine so angstgetriebene politische Korrektheit ist ein Wahnwitz, der an eine Kreuzung aus einem streberhaften Schüler – Sie kennen diese Sorte Spaßbremse, die dem Lehrer die Tasche hinterherträgt? - und dem unseligen McCarthy erinnert.

Früher, – Sie merken, ich bin in dem Alter, wo man beginnt, nach hinten zu blicken – also früher, da hat es manchmal geholfen, wenn man dem Streber einen Tritt in den Ar*** gegeben hat. Oh, das ist jetzt nicht korrekt, es muss bestimmt so was wie rückwärtig angebrachtes Gegengewicht aus Muskulatur heißen. Wie auch immer, wie es scheint, haben sich etliche Internetanwender mittlerweile von der schrecklichen Wirkung dieser überaus boshaften Karikaturen überzeugt und äußern sich recht heftig. Vielleicht kommen diese virtuellen Tritte ja an …

Grundsätzlich ist es sicher richtig, das Apple die eingesandten Apps prüft und ebenso kann es bei Prüfungen ab und an mal zu Fehlern kommen – auch hier arbeiten schließlich Menschen. Die Begründung, mit der Tom Richmonds Karikaturen abgelehnt wurden, – ein Beweisbild der schrecklichen Untat wurde ja extra mit angehängt – hat allerdings eine etwas andere Qualität, denn es muss sich jemand schon deutlich Gedanken darüber gemacht haben, dass hier „Personen des öffentlichen Lebens lächerlich gemacht werden“.

Irgendwie passt diese Meldung zum 11.11., kann ich doch so recht immer noch nicht glauben, dass dieser Unfug wirklich ernst gemeint ist …

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Eine Antwort zu “Politisch korrekt veräppelt”

  1. Hermann LOIDOLT sagt:

    Sehr geehrter Herr Chefredakteur!
    Herzlichen Dank für Ihren Artikel. Ich weiss nur nicht, warum Sie das so kritisch sehen. Ein Abgeordneter ist doch etwas sakrosanktes. Er wurde vom Volk gewählt, ausgewählt, sozusagen, aus der unterentwickelten Masse und auf eine höhere Stufe gestellt. Und der US Präsident ist in etwa auf einer Stufe mit Gott für die Amerikaner. Was immer der Präsident tut, sagt, anordnet ist gut und muss von allen Amerikanern gleichermassen vertreten werden. Sonst ist man kein guter Amerikaner und Patriot.

    Da kann nicht jeder daherkommen und Karikaturen zeichnen, auch wenn es ein begnadeter Karikaturist ist wie Tom Richmond. Dass es auch noch ein paar “Stupid white man” gibt, wie den Michael Moore, stört die Idylle zwar ein bisschen, aber nicht wirklich. Political Correctness beginnt nämlich schon in der Schule. Wer abschreibt, wird von den Mitschülern beim Lehrer angezeigt.

    Mir hat mein Professor for Political Science in Washington DC erklärt: Solange nicht alle Staaten der Welt das politische System der USA übernommen haben, wird es keinen Frieden auf Erden geben.

    Leider gehen die Amerikaner mit dieser Einstellung zu PC auch in die Krisenherde der Welt und wundern sich, dass die Bevölkerung eines “befreiten” Landes wie Afghanistan oder Irak nicht sofort alle US Werte und Vorstellungen übernimmt.

    Diese „obszönen, pornographischen oder diffamierenden“ Abbildungen eines gewählten Abgeordneten tragen natürlich nicht dazu bei, die übergeordnete Position der US in der Welt zu festigen. Daher muss man die Verbreitung mit allen Mitteln verbieten.

    Die Veröffentlichung von “Mein Kampf” hat damit nichts zu tun. Denn wie jeder Amerikaner weiss, waren das doch nur dumme deutsche Nazis, die den zweiten Weltkrieg begonnen haben. Aber wir Amerikaner haben ihnen gezeigt: ” wo es langgeht” und seit die besiegt sind, verhalten sie sich auch fast wie Demokraten. Warum machen das nur die Iraker nicht so. “Sie sollen sich ein Beispiel an Deutschland nach dem Krieg nehmen!” Zitat aus einem Gespräch in Washington DC.

    Warum können wir Europäer eigentlich nie den guten Willen und den guten Vorsatz der Amerikaner verstehen. Sie wollen doch nur unser Bestes. Aber was tun wir, wir geben es ihnen nicht.

    In diesem Sinne, beste Grüße
    Hermann LOIDOLT!

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