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Blinken, Schulterblick, Gas

03. April 2009

Hat Ihnen neulich mal wieder ein afrikanischer Potentat ein paar Millionen Schwarzgeld angeboten, hat Sie der bislang unbekannte Erbonkel mit Öl und Diamanten bedacht? Vielleicht möchte Sie auch eine nette junge Dame heiraten, um Ihnen ihr Vermögen zu übergeben? Sie bekommen billiges Viagra, eine mühelose Vergrößerung Ihrer primären Sexualmerkmale (Achtung: geschlechtsspezifische Eignung beachten!) oder Sie können kostenlos die tollste Software herunterladen?

Sie können sicher sein, liebe Leser, irgendeiner glaubt diesen Mist und geht auf diese Angebote freudestrahlend ein. Mittlerweile wundert mich das nicht mehr so wirklich, denn eigentlich findet sich diese Leichtgläubigkeit überall. Natürlich ist es nicht immer so offensichtlich, manchmal muss man etwas mehr darüber nachdenken, vor allem, wenn betrügerische Absichten dahinterstehen, wie die, über die wir in der letzten Zeit mehrfach berichtet haben.

Allerdings machen wir es den Betrügern auch wirklich sehr leicht, denn, so im Großen und Ganzen betrachtet, glauben wir eigentlich fast alles – vor allem dann, wenn es durch die Medien geht. Da wird vernebelt und Unsinn erzählt, doch kaum einer macht sich die Mühe, einmal zu hinterfragen, was ihm denn da so berichtet wird. Während man in der Fahrschule (und die haben ja die meisten von uns erfolgreich absolviert) beigebracht bekommt, sich immer doppelt abzusichern (erst Blinken, dann noch ein Schulterblick, dann erst losfahren), verliert sich diese Sichtweise in anderen Lebensbereichen zugunsten einer medialen Fast-Food-Haltung. Haben Sie gehört, dass sich jemand gewundert hat, dass im (unzweifelhaft tragischen) Fall der erwachsenen jungen Männer, denen nichts besseres eingefallen ist, als sich im Ausland gegen ausdrücklichen Rat und jeden Verstand mit, wie inzwischen bekannt ist, Methylalkohol aus dubiosen Quellen bis zum Tode abzufüllen, immer nur von Schülern gesprochen wurde? In einer Tonlage, die vermuten ließe, man habe ahnungslose 10jährige gegen ihren Willen mit umgeschnalltem Bierfässchen in hilflose Bier-Bernhardiner verwandelt? Was zunächst einmal nichts damit zu tun hat, dass es falsch und verbrecherisch es ist, Methylalkohol als Wodka zu verkaufen. Aber „arme Schüler im Ausland“ verkaufen sich vermutlich auch gut.

Ein noch schöneres Beispiel für die grassierende Leichtgläubigkeit – auch unter Journalisten – habe ich bei Stefan Niggemeier gefunden. Unter dem Titel „A Street View Named Desire“ beschreibt er den Werdegang einer Meldung, die in sich schon etwas unglaubwürdig ist, und durch ihre Weitergabe immer noch übler zugerichtet wurde.

Was ist passiert? Zunächst brachte die „Sun“ einen Bericht, nach dem sich eine Frau von Ihrem Mann getrennt habe, weil sie sein Auto via „Google Street View“ vor dem Haus seiner Geliebten gesehen habe. Eine typische Boulevard-Notiz, die ihren Weg durch all die üblichen Blog und Nachrichtenseiten nahm. Na und, werden Sie sagen, das ist halt Klatsch und Tratsch. Richtig, aber jetzt wird die Sache spannend, denn kurz nachdem die Meldung in der „Sun“ war, meldet sich ein Blogger, der seinerseits behauptete, die Meldung erfunden zu haben und die „Sun“ mit gefälschten E-Mails hereingelegt zu haben. Auch diese Nachricht rauschte durch den Medienwald und wurde gern gebracht – zeigte sie doch, wie furchtbar viel besser Blogs gegenüber den so leicht hereinzulegenden Printmedien sind.

Aha, nun ist alles klar, nicht wahr? Der Blogger schreibt ein paar Mails mit einer hübschen Geschichte, die Zeitung bringt es, der Blogger zeigt öffentlich die schlechte Recherche der Zeitung auf. Nö, eben nicht.

Denn jetzt kommt der eigentliche Witz der Geschichte: Die „Sun“ hatte ihrerseits die Geschichte aus der „Times“ und sie ist einigermaßen belegbar. Die Erfindung dabei war die Behauptung des Bloggers, die Geschichte erfunden zu haben.

Interessant dabei: Es hat sich anscheinend niemand die Mühe gemacht, einmal kurz innezuhalten und ein paar ganz normale Fragen zu stellen, etwa „Wie glaubwürdig ist die unbewiesene Behauptung eines Unbekannten mit dem Alias „Idiot Forever”? Ist die Geschichte schon vorher erschienen? Aber es klang einfach toll, das musste dann auch stimmen. Ich wette, einige dieser Kollegen haben auch schon Geld nach Nigeria überwiesen, um ihre Millionenerbschaft zu erhalten.

Ganz und gar seltsam sind dann entschuldigende Aussagen wie diese hier: „Nachprüfen lässt sich für uns weder die eine, noch die andere Version.“

Da möchte ich Stefan Niggemeier zitieren: „Diese armen Journalisten sind gezwungen, Nachrichten zu veröffentlichen, von denen sie überhaupt nicht wissen, ob sie stimmen. Denn was sollen sie tun? Recherchieren?“

Wem das noch nicht peinlich genug ist, der mag sich jetzt noch einmal die ursprüngliche Geschichte zur Hand nehmen: Eine Frau reicht also die Scheidung ein, weil sie auf „Google Street View“ das Auto ihres Mannes vor dem Haus seiner Geliebten gesehen hat. So berichtet vom Anwalt der betroffenen Frau in einem Artikel, in dem er sich über verschiedene Aspekte von „Google Street View“ auslässt.

Nun ist es richtig, dass man in „Google Street View“ Straßen, Häuser, Autos und sogar Personen sehen kann. Aber es ist kein Echtzeit-System. Und es hat auch keine Leuchtmarkierungen für Ehebrecher. Wieso hat eigentlich niemand bei dieser Geschichte die Frage gestellt, woher die Frau wusste, wo Sie auf Google Earth suchen musste? Die Chance, bei einem zufälligen Besuch in irgendeiner Gegend zufällig des Gatten PKW zu sehen, aufgenommen just zum Zeitpunkt, als er auf Geschäftsreise gewesen sein soll, scheint mir doch ein wenig dünn. Mit etwas bösem Willen könnte man sogar auf die Idee kommen, dass es einfach ein schönes, griffiges Beispiel eher narrativen Charakters ist, das dem Anwalt gefiel, weil es die Möglichkeit gab, zu zeigen, dass man a) auch in Scheidungen macht und b) dabei auch ganz ganz modern arbeitet.

Wie auch immer, ob in der Zeitung, dem Fernsehen oder im Internet sollten Sie immer auf das mentale Äquivalent zu „Blinken, Schulterblick, Gas“ zurückgreifen.

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